Die letzen Wochen haben mir als Frau einiges abverlangt. Alle paar Tage kam eine neue Grausamkeit ans Licht, die Frauen über sich ergehen lassen mussten. Das Ausmaß und die Form an Gewalt, dass sie erlebt haben, erschüttern mich immer noch und treffen mich persönlich. Der Feind lag teilweise im eigenen Bett. So viele Fragen in meinem Kopf und der wiederkehrende Gedanke: wie machen wir, wie mache ich von diesem Punkt aus weiter.
Warum Wegsehen keine Option ist und welche 5 Dinge Männer jetzt konkret tun sollen, liest du hier.
Was kürzlich geschah … in a nutshell.
Collien Ulmen-Fernandes wirft Christian Ulmen vor, über rund ein Jahrzehnt hinweg systematisch ihre Identität im Netz missbraucht zu haben. In ihrem Namen seien Fake-Profile betrieben, sexualisierte Chats mit zahlreichen Männern geführt und manipulierte intime Inhalte verbreitet worden, die wie echte Aufnahmen wirken sollten. Auch Personen aus ihrem beruflichen Umfeld seien gezielt kontaktiert worden, was eine erhebliche rufschädigende Wirkung gehabt hätte. Sie selbst bezeichnet dies als „virtuelle Vergewaltigung“ und beschreibt einen digitalen Komplex aus Kontrolle, Demütigung und Grenzüberschreitung. Es handelt sich um schwere Vorwürfe, wie immer gilt die Unschuldsvermutung. (*Ironie off*)
Zu Christopher Seiler („Seiler und Speer“) laufen nach Anzeige einer Frau Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Seiler räumte ein, ihr in einer privaten Situation Kokain auf die Lippen geschmiert zu haben während er sie mit dem Arm fixierte. Aus mir unerklärlichen Gründen behauptet er jedoch, das war keine Gewalt, es fand ja auch nicht in einer „finsteren Gasse“ statt. Sein Video zur Entschuldigung auf Social Media war eine Selbstbemitleidung unfassbaren Ausmaßes und kann kaum ernst genommen werden – immerhin kam das Schuldbewusstsein erst, als er angezeigt war.
Gegen Roland Weißmann (ehemaliger Generaldirektor des ORF) wurden Vorwürfe sexueller Belästigung durch eine Mitarbeiterin erhoben; sie spricht von unangemessenen Nachrichten und übergriffigem Verhalten im beruflichen Kontext. Weißmann bestreitet die Vorwürfe, trat jedoch im März 2026 als ORF-Chef zurück, während die Vorwürfe untersucht werden.
NOT ALL MEN? Vielleicht – aber ganz sicher viel zu viele.
Das alles toppte in den letzten Wochen nur die haarsträubenden Details aus den schon vorher bekannten und international relevanten Epstein Files. Was hier klar wird: es sind Männer mit Macht und Einfluss, die unfassbar gut vernetzt sind, und ein überaus verstörendes Frauenbild haben. Die Abscheulichkeit braucht aber keinen Promi-Status – wie abartig Männer ticken haben wir schon letztes Jahr beim Fall Pelicot gelernt.
Dominique Pelicot hat seine Ehefrau über Jahre hinweg systematisch missbraucht, indem er sie heimlich mit Medikamenten betäubte und im bewusstlosen Zustand vergewaltigte. Zusätzlich organisierte er über das Internet Treffen mit über fünfzig Männern aus deren Umgebung (!!!), die seine Frau ebenfalls vergewaltigten, während sie keinerlei Bewusstsein oder Möglichkeit zur Zustimmung hatte. Die Taten wurden von ihm gefilmt und dokumentiert, ohne dass das Opfer davon wusste. Insgesamt erstreckte sich dieser Missbrauch über fast ein Jahrzehnt und umfasste zahlreiche Übergriffe durch verschiedene Täter, was den Fall zu einem der schwersten bekannten Fälle organisierter sexualisierter Gewalt im privaten Umfeld macht.
Der Elefant im Raum
Ich möchte wegschauen. Möchte Social Media deaktivieren. Möchte mich in idyllischere Weltbilder retten. Zu grausam, zu unvorstellbar, zu verstörend jedes einzelne Detail jeder einzelnen Geschichte. Doch Wegdrehen ist für mich keine Option. Vor allem, weil es mich auch beruflich betrifft. Gewaltformen und patriarchale Strukturen begegnen mir als Paarberaterin nicht abstrakt – sie sitzen oft als Elefant mit im Raum. Ich kann ihn nicht übersehen. In den Dynamiken, die Paare mitbringen. In den unausgesprochenen Erwartungen. In dem, was als „normal“ gilt. In antiquierten Rollenbildern.
Ich erkenne das zum Beispiel an der Verteilung von Verantwortung: wenn emotionale Arbeit selbstverständlich bei der Frau liegt, während sie gleichzeitig „zu sensibel“ genannt wird. In Gesprächen, in denen Grenzen relativiert werden. In Situationen, in denen Kontrolle als Fürsorge verpackt ist. Oder wenn ein Mann auf Verletzung mit Rückzug, Wut oder Abwertung reagiert – und die Frau beginnt, sich selbst infrage zu stellen oder ihn co-reguliert, damit er sich wieder beruhigen kann.
Neutralität hat ihre Grenzen
Patriarchale Muster zeigen sich selten als offener Hass. Sie sind leiser. Subtiler. Und genau deshalb so wirksam und ein enormes Problem. Weil es immer klein beginnt. Nicht beim Femizid sondern beim Kontrollieren, Einschüchtern, Abwerten. Für mich bedeutet das: ich arbeite nicht nur mit zwei Individuen, sondern immer auch mit einem System, das ihre Beziehung geprägt hat. Neutralität hat hier Grenzen. Denn wo Machtungleichgewichte oder Grenzüberschreitungen im Spiel sind, reicht es nicht, beide Perspektiven gleich zu gewichten – es braucht eine Einordnung.
„Entweder Mann ist laut gegen Frauenhass. Oder Mann ist leise dafür. Es gibt kein Dazwischen“ hat Alexandra Zykunov dazu letzte Woche gepostet und spricht mir damit aus der Seele. Frauen allein können dieses Problem nicht lösen. Weil es auch nicht unseres ist. Wir können nur darauf hinweisen, aussprechen, was wir in diesem Zusammenhang von Männern brauchen.
5 Dinge, die du als Mann (spätestens ab JETZT) tun solltest:
• Verantwortung statt Abwehr zeigen
Ich weiß, wie schnell dieser Reflex kommt: „Aber ich doch nicht.“ Und vielleicht stimmt das sogar. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass du bereit bist hinzuschauen, ohne dich sofort rauszunehmen. Anzuerkennen, wo selbst du womöglich doch schon mal das Problem warst – weil du über einen sexistischen Witz gelacht hast, das Sportoutfit einer jungen Frau zu aufreizend fandest oder „die hat das provoziert“ gedacht hast. Und selbst wenn dir diese Dinge fremd sind: du bist Teil der Welt, in der es passiert. Du lebst mit Frauen (deine Partnerin, vielleicht Tochter, Mutter, Schwester,…), die das betrifft. Sie zählen auf deine Solidarität.
• Grenzen verstehen und respektieren
Nur ein JA ist ein JA – besonders was Körperkontakt zwischen Menschen angeht. Alles andere ist kein Spielraum, kein „Vielleicht“, kein „Ich dachte“. Wenn du unsicher bist, dann ist es kein Ja. Punkt. Deine Hand hat nichts auf dem Busen oder Po einer Frau zu suchen, wenn sie nicht zugestimmt hat. Überdenke dein Verhalten. Verantwortung heißt hier auch: Zweifel ernst nehmen – nicht zu deinen Gunsten auslegen und schlicht und einfach nachfragen und dich versichern. So einfach ist das.
• Eingreifen und laut sein
Ich weiß, wie unangenehm das ist. Wenn im Freundeskreis Sprüche fallen oder Grenzen überschritten werden. Aber genau da zeigt sich, wer du bist. Nicht in großen Worten, sondern in diesen Momenten. Sag „Stopp! Das ist sexistisch / frauenfeindlich / respektlos. Sowas hat hier keinen Platz.“ Schweigen schützt nicht dich – es schützt das Verhalten. Und jedes Mal, wenn du es still hinnimmst, dass ein anderer solche Sprüche klopft, bist du Teil des Problems.
• Kritische Selbstreflexion trainieren
Schau ehrlich hin: Wo hast du bis hier von strukturellen Schieflagen profitiert? Musstest du dich nachts vor Frauen fürchten? Musstest du je ein Outfit wegen zu viel Haut überdenken? Wie schauen deine eigenen Muster in Bezug auf Eifersucht, Kontrollverhalten oder Anspruchshaltungen aus? Hast du dich womöglich auch schon mal unpassend verhalten und so ein System mitgetragen, das Frauen systematisch herabwürdigt, benachteiligt oder gefährdet? Dieser Blick wird vermutlich weh tun, doch er ist wichtig. Falls du unsicher bist, frag eine Feministin deines Vertrauens und bitte sie, deine Gedanken mit dir einzuordnen.
• Emotionale Kompetenz erwerben
Zurückweisung tut weh. Frust auch. Unsicherheit sowieso. Aber was du daraus machst, liegt bei dir. Du bist erwachsen und verantwortlich dafür, wie du mit deinen unangenehmen Gefühlen umgehst. Du kannst lernen, das auszuhalten, ohne jemanden dafür bezahlen zu lassen. Gefühle bewältigen: Ohne Druck. Ohne Abwertung. Ohne Angst bei deinem Gegenüber zu erzeugen. Das dient dir übrigens nicht nur in Partnerschaften, sondern in jedem anderen Lebensbereich ebenso.
Der Kernpunkt:
Gewalt beginnt nicht erst dort, wo sie sichtbar wird. Sie wächst in Räumen, in denen geschwiegen, relativiert und weggesehen wird. Und genau deshalb beginnt Veränderung bei dir nicht erst im Extrem – sondern im Alltag. In dem Moment, in dem du nicht mehr still bleibst.
Und dann braucht es auch noch gesellschaftliche Initiative. Zum Beispiel:
- Konsequente Strafverfolgung und Opferschutz: Anzeigen müssen ernst genommen, Verfahren zügig geführt und Betroffene geschützt werden – ohne sekundäre Viktimisierung.
- Frühe Bildung: Themen wie Einvernehmlichkeit, Grenzen, Respekt und emotionale Kompetenz gehören fest in der Erziehung von Kindern verankert.
- Kulturwandel: Sexistische Witze, Abwertung und Verharmlosung von Übergriffen dürfen nicht mehr als „normal“ durchgehen.
- Strukturen stärken: Frauenhäuser, Beratungsstellen und Präventionsprogramme brauchen ausreichend Finanzierung und Sichtbarkeit.
- Digitale Räume regulieren: Plattformen müssen konsequenter gegen Belästigung und nicht-einvernehmliche Inhalte vorgehen.
Gewalt gegen Frauen wird nicht nur durch Täter ermöglicht, sondern auch durch Umfelder, die wegsehen, relativieren oder schweigen. Das geht Männer UND Frauen an! Veränderung beginnt dort, wo dieses Schweigen endet.
So will ich meine Möglichkeiten dafür nützen, mehr „Licht in die Dunkelfelder“ zu bringen, wie Collien Fernandez gesagt hat. Als Frau, Tochter, Schwester, Mutter und Paarberaterin will ich aufstehen und aufzeigen, was Männer jetzt tun können, wenn sie sich angegriffen fühlen, weil sie ja „not all men“ sind und das ab sofort beweisen wollen.
Männer, ihr seid dran.






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