von Kerstin Bamminger | Dez. 23, 2025 | Leben, Allgemein
Mein Kopf explodiert beinahe, wenn ich mir am Ende dieses Jahres zu Gemüte führe, was alles in diese letzten zwölf Monate gepasst hat. Ich könnte einen Roman darüber schreiben, was sich businessmäßig getan hat – vieles davon hinter den Kulissen –, was ich in meiner Arbeit mit Klient:innen gelernt habe und was sich persönlich bei mir getan hat, lässt sich ohnehin kaum in Worte fassen.
2025 kam im Gewand eines unaufgeregten Jahres daher. Und hatte es dann doch ganz schön in sich.
Heute teile ich mit dir zwölf Lektionen aus diesem Jahr. Und wie sollte es anders sein: Es geht um Beziehungen. Um Nähe, Verantwortung, Grenzen, Loslassen und darum, wie viel Arbeit und Schönheit darin liegen.
JÄNNER-Lektion: „Lerne, Räume voller Möglichkeiten besser zu nutzen.“
Bei meinem Impulsvortrag leistete ich mir einen erstaunlichen Fehler. Das Haus war voll mit „Frau in der Wirtschaft“, ich war begeistert bei der Sache und schwärmte für Beziehungen in jedem erdenklichen Kontext.
Und am Ende? Vergebe ich meine Chance zu pitchen. Keine Einladung, kein Hinweis auf meine Dienstleistung. Einfach ausgelassen.
Eine verpasste Gelegenheit, über die ich mich später noch grün und blau geärgert habe. Auch das ist Lernen.
FEBRUAR-Lektion: „Arbeite mit den Eltern, bevor du die Kinder angreifst.“
Wenn Erwachsene in der Beratung aufschlagen, die gern ihr Kind „repariert haben möchten“ (genau so sagen sie das nicht, aber in der Hoffnung), bin ich seit jeher skeptisch. Heuer hab ich mich wieder einmal darauf eingelassen und zu früh zugestimmt, dass das Kind mitkommt in die Beratung. Mir wurde bewusst, dass das Kind alles richtig macht und die Eltern das eigentliche Problem sind. Ich hab gerettet, was zu retten war, und das junge Mädel bestärkt, was das Zeug hält. Die Eltern hab ich dabei wohl verloren – sie kamen danach nicht wieder.
MÄRZ-Lektion: „Kümmere dich um dich selbst, sonst macht es niemand.“
Mein Terminkalender explodierte im März regelrecht, weil ich verabsäumt hatte, die automatisierten Buchungen einzuteilen. Freie Blöcke waren dann Mangelware und manchmal ging es nach einem vollen Beratungstag abends noch für drei Stunden Workshops in die Elternbildung. Ich hab sehr viel Energie, aber das war dann doch selbst mir zu steil. Da ging auch meine Routine verloren, jeden Tag eine Runde im Wald zu drehen. Lektion gelernt.
APRIL-Lektion: „Eine einzige Person kann eine ganze Gruppe vergiften.“
Innerhalb von zwei Monaten halte ich zehn Partnerkurse für Brautpaare. Ein Seminar, das mir grundsätzlich unfassbar viel Freude bereitet. In einer Gruppe saß Anfang April ein Mann, der mir gründlich in die Suppe spuckte. Es ist nicht zu glauben, wie passiv-aggressiv man sich mit Körpersprache, Mimik und einsilbigen Wortmeldungen zum Gift einer Gruppe machen kann. Erst am Nachmittag zog ich eine deutliche Grenze und wies den guten Mann in verbale Schranken. Dieser Tag kostete mich so viel Kraft wie alle anderen Kurse zusammen. Ich schüttle immer noch den Kopf über so dummes und kindliches Verhalten und erkenne leider an: Eine Person reicht, um das soziale Klima einer ganzen Gruppe zu vergiften.
MAI-Lektion: „Beziehungsarbeit ist ein Knochenjob. Auch nach 20 Jahren.“
Ein Konflikt in der Paarbeziehung bricht im öffentlichen Raum vom Zaun, und vor den Augen vieler anderer geraten wir in ein Wortgefecht, das mich an den Rand der Verzweiflung treibt. Die Aufarbeitung dieser emotionalen Achterbahnfahrt hat mich enorme Kraft gekostet. Ich hab noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass wir als Paar genauso unsere Kämpfe auszutragen haben wie andere. Was wir aber klugerweise schon können: uns in solchen Krisen professionelle Hilfe holen.
Geht’s dann locker-lässig? Nein, es bleibt teilweise echt harte Arbeit. Aber es ist eine große Entlastung, eine neutrale, emotional unbeteiligte Person dabei zu haben, die hilft, durch den Nebel zu manövrieren.
JUNI-Lektion: „Gib ihnen Wurzeln. Und dann gib ihnen Flügel.“
Unsere Mittlere meistert mit Bravour ihre Matura, und ich stehe als Mama mit Tränen und voller Stolz daneben und beobachte, wie sie ihr Leben jeden Tag mehr selbst in die Hand nimmt. Ich gebe das zweite Lebensbüchlein aus der Hand, das ich für jedes meiner Kinder geschrieben hab, und damit ihr ihre Lebensgeschichte. Ein bewegender Moment. Ich liebe alles daran, große Kinder zu haben. Was aber immer noch ist – wie mit kleinen Kindern –: die Gleichzeitigkeit so vieler unterschiedlicher Gefühle. Sie machen mich lebendig.
JULI „Geteilte Freude ist doppelte Freude. Oder noch mehr.“
Beruflich starre ich in ein beschissen großes Sommerloch. Dafür hab ich Zeit, mich mit Haut und Haaren in die Arbeit um das Geburtstagsvideo meiner jüngsten Schwester zu werfen. Wie mag ich ihre Geschichte erzählen, wie verpacke ich Botschaften und kleine geheime Infos in Musik und Bildern – wie kann ich vermitteln, was für eine großartige Persönlichkeit sie ist? Zwei Tage komme ich aus dem Pyjama nicht mal raus, weil ich so im Workflow bin und einfach die allergrößte Freude hab, jemandem so eine Überraschung zu bereiten. (Und ja, sie hat alle Easter Eggs entdeckt und gefeiert und wertgeschätzt. Hurra!)
AUGUST „Die Liebe ist immer für Überraschungen gut.“
Völlig überarbeitet, aber ohne wirklich gut abgeschaltet zu haben, ging es im August gen Süden. Zum ersten Mal ein Sommerurlaub nur zu zweit, ohne Kinder. Nach zwanzig Jahren Ehe haben wir uns selbst überrascht, wie sehr wir diesen Urlaub für uns genießen konnten. Wir haben uns so richtig wiedergefunden und unsere starke Verbindung zueinander zu neuem Leben erweckt. Der Alltag ist ein verrücktes Spiel und gefährlich kräftezehrend. Wir haben uns in Portugal geschworen: Dieses neue Level an Qualität in der Beziehung geben wir nicht mehr her.
SEPTEMBER „Schönheit, Wert und Zerbrechlichkeit – Porzellan soll gefeiert werden.“
Selten hab ich ein Ehejubiläum so gefühlt wie die Porzellanhochzeit. Mitten im Trubel der Feierlichkeiten haben wir unserer Toni tatsächlich Flügel verliehen und sie in ihr Au-pair-Abenteuer verabschiedet. Ich hab noch immer kein Wort für das Gefühl an dem Bahnsteig. Es war irgendwas zwischen Begeisterung, Stolz und Ohnmacht. Ich hab’s schon länger geahnt, und nach und nach erlebe ich es: Die eigenen Kinder tatsächlich loszulassen ist wohl die größte und herausforderndste elterliche Übung.
OKTOBER „Integrität ist mehr wert und wichtiger als das offene Honorar.“
Mitten in einer Paarberatung hab ich scharfe Kritik an einem zukünftigen Plan eines Paares geübt – mit dem Risiko, sowohl den Prozess mit ihnen als auch mein Honorar zu verlieren (das war nämlich noch nicht bezahlt). Es ging um einen weiteren Kinderwunsch, den eine Person hatte, die andere deutlich nicht. Ein Mädchen soll die Leiden und Verletzungen (die beim jüngsten Sohn entstanden waren) „ausbügeln“, weil das so ein schweres Los war.
„Bei allem Respekt – bei dieser Entscheidung geht es verdammt noch mal nicht um euch zwei. Sondern um ein ungeborenes Kind. Niemand sollte mit einer derartigen Verantwortung auf die Welt kommen müssen. Schon gar nicht, wenn dann auch noch eure Beziehung auf dem Spiel steht.“ Das waren meine Worte.
Kinder sind kein beliebiges Spielzeug, kein Beziehungskitt und kein Trostpflaster. Das musste an dieser Stelle gesagt werden – für meinen Seelenfrieden.
NOVEMBER „Familie wirkt. Ob wir das nun gut finden oder nicht.“
In meinen ersten zwölf Wingwave-Sessions kam erstaunlich klar zum Vorschein, was ohnehin landläufig bekannt ist. Die Prägungen und Erfahrungen in unseren Herkunftsfamilien picken so fest, dass uns oft weniger lieb wäre. Emotionale Verstrickungen, fehlgeleitete Dynamik und manipulatives Verhalten erschweren oft bis ins hohe Erwachsenenalter die Beziehung zu unseren Eltern und Geschwistern. Wie gut, dass es verschiedene Wege und Methoden gibt, darauf zu antworten, denn NEIN: Du bist deiner Geschichte nicht hilflos ausgeliefert. Und JA: Es wirkt auf dich, egal ob dir das bewusst ist oder nicht.
DEZEMBER „Hilflosigkeit ist was Hässliches, und die Klappe halten ist schwierig.“
Gerade wenn es im engeren Umfeld Beziehungsbrösel gibt, ist das schwer auszuhalten. Besonders mit meiner Profession. Anerkennen, dass man hier nicht helfen kann, lässt sich kaum ertragen. Zuschauen, wie Dinge zunehmend schwierig werden, noch mehr. Ich lerne gerade, mich auf meine Rolle in meinen Systemen zu konzentrieren und nicht mehr zu wollen als andere Beteiligte. So viel kann ich schon sagen: Ich reiße lieber alles nieder und verausgabe mich bis zum Umfallen, als in krisenhaften Situationen auf der Zuschauerbank zu sitzen. Das erklärt wohl, warum ich diesen Beruf ausübe.
Im Vergleich zu anderen Jahren war 2025 verdächtig ruhig. Bei genauerer Betrachtung hatten es diese 365 Tage ganz schön in sich. Ich bin wieder ein Jahr älter und merke zunehmend: Ich hab keinen Bock und keine Nerven mehr für halbe Sachen. Oberflächlichkeiten und belanglose Verbindungen kommen auf den Prüfstand. Ich will dem Leben in die Augen sehen. Meine Zeit auf die Menschen und Tätigkeiten verwenden, die wertvoll, sinnstiftend und inspirierend sind. Und meine Energie dahin stecken, wo ich sie gut investiert sehe: in meine wichtigsten Beziehungen, meine Arbeit und meine körperliche, emotionale und geistige Gesundheit.
2026. I am ready for you.
Bring it on.
Was hast du 2025 gelernt? Schreib mir gern, welche Beziehungserkenntnis dich weiter gebracht hat! Ich freu mich über dein Kommentar.
von Kerstin Bamminger | Dez. 5, 2025 | Allgemein
Mental Load ist kein Modewort – es ist eine leise, aber mächtige Kraft, die Beziehungen formt. Oft unbemerkt, oft ungewollt, aber mit deutlichen Folgen für Nähe, Verbundenheit und Gleichberechtigung. Während Frauen häufig spüren, dass sie „an alles denken“, bleibt die Perspektive der Männer erstaunlich unsichtbar. Dabei betrifft Mental Load auch sie – nur auf einer anderen Ebene und mit Konsequenzen, die sich tief in die Beziehung einweben.
In diesem Beitrag zeige ich, was die ungleiche Verteilung von Denk- und Organisationsarbeit mit beiden macht – und wie Männer nicht nur Teil der Lösung werden, sondern selbst enorm profitieren können.
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Noch nie hat ein Post von mir so viel Aufmerksamkeit bekommen und war so in aller Munde wie mein Beitrag rund um den letzten Blog über Mental Load und die Bullshit Sätze, die man so oft in der Gesellschaft noch hört.
Mental Load ist ein Problem, das sich unter der Oberfläche ausbreitet, sich in ewig wiederkehrenden Kreisläufen festigt und Paare (vor allem diejenigen, die den Mental Load überwiegend tragen) an den Rand des Wahnsinns treibt. Er wirkt in Beziehungen – ob man sich nun der Tatsache bewusst ist, oder nicht. Wie, warum und wie ihr aus dem Kreislauf ausbrechen könnt, liest du heute hier.
Vor etwa zehn Jahren kam ich das erste Mal in Kontakt mit dem Thema „Mental Load“. Mein Mann und ich hatten ein Wochenende zu zweit in der Toskana geplant. Unsere drei Kinder verweilten dankenswerterweise bei den Großeltern, während wir zwischen Olivenbäumen und guten Weinen unsere Auszeit genossen. Damit so ein Wochenende auch reibungslos abläuft, braucht es Informationen. Die Mädchen hatten gerade Zahnspangen bekommen, eins der Kinder war zu einem Geburtstag eingeladen und die Katze zuhause sollte auch nicht verhungern. Ich schrieb 6 A4 Seiten auf, wo die wichtigsten Dinge für diese Tage notiert standen. Da wurde mir bewusst: WOW, das alles ist in meinem Kopf, an das alles denke ich, um den Laden hier am Laufen zu halten.
Dabei war da kein Fünkchen Haushalt zu berücksichtigen, der fällt ja im Urlaub flach.
Mein Mann musste niemandem irgendetwas mitteilen. Eine Abwesenheitsnotiz im Email Programm und das war’s. Obwohl wir uns eigentlich als gleichberechtigtes Paar verstehen, blickte ich auf eine ziemlich absurde Schieflage. Dabei sind wir leider keine Ausnahme. Selbst in Beziehungen, die wohlwollend, unterstützend und partnerschaftlich laufen, gibt es oft so ein Gefälle.
Laut Expertinnen wie Patricia Cammarata und Laura Fröhlich entsteht Mental Load nicht durch Chaos oder mangelhafte Kommunikation sondern durch unfaire Verantwortungsarchitektur.
Wie es so weit kam?
Ich bin zuhause, als wir Kinder bekommen. Diese Entscheidung ist bewusst getroffen, aus voller Überzeugung und einvernehmlich. Dadurch ergibt sich, dass ich immer mehr den Überblick über beinahe alles habe, was sich zuhause abspielt. Wann das Waschmittel leer wird, die Biotonne abgeholt wird und die Kinder aus der aktuellen Kleidergröße herausgewachsen sind. Also werde ich zuständig, weil ich ja alles sehe. Ich kenne jede Ecke der Speisekammer, bin diejenige, die den Kühlschrank beizeiten reinigt und überwacht, kenne mich im Haushalt bestens aus. Scherzhaft kommen die Familienmitglieder oft heute noch zu mir und bitten mich, etwas zu finden, weil sie es nicht sehen – und ich mich ja vieeeeel besser auskenne. Also denke ich noch mehr. Merke mir noch genauer, wo etwas ist, wann etwas erledigt gehört und was bedacht werden soll. Im Sinn meiner eigenen Effizienz, weil es sonst scheinbar niemand macht.
So bleibt eines Tages (fast) alles bei mir hängen. Und vier weitere Menschen verlassen sich drauf.
Das ist kein Einzelfall, sondern ein System.
Natürlich sind sehr kleine Kinder von großer Verantwortung ausgenommen. Ich empfehle allerdings stets, schon früh altersgemäße Zuständigkeiten zu verteilen (auch hier hilft SICHTBAR MACHEN!!) und somit von Anfang an auf faire Einbindung zu setzen.
Denn Mental Load verteilt sich nicht automatisch gerecht. Der Person, die die überbordende Last trägt, bleibt nichts anders übrig, als sich bemerkbar zu machen, hinzuweisen und klar hinzuweisen, wenn etwas umverteilt gehört.
Ja, dabei bin ich meinen Mitbewohnerinnen oft lästig. Nein, das ist keine Rolle, die ich genieße. Und gleichzeitig der einzige Weg, wie ich halbwegs sicher langfristig zufrieden sein kann.
Denkverantwortung ist Beziehungsarbeit.
Es geht in vielen Beziehungen schon lang nicht mehr darum, wer wie viel macht. Denn ehrlich: die meisten Paare, die ich begleite, sind weder faul noch langweilig. Sie geben ihr Möglichstes und arbeiten hart dafür, sich ein gutes Leben zu schaffen. Nicht in jedem Bereich 50:50, aber viele davon ehrlich bemüht, eine faire Aufteilung zu finden.
Das „dran Denken“ jedoch ist meiner Einschätzung nach aber noch lang nicht partnerschaftlich geschultert. Statt zu fragen „Wer macht wie viel?“ Braucht es die Frage „Wer denkt für was UND kümmert sich drum?“-
DREI WARNSIGNALE
Wenn du dir nicht ganz sicher bist, ob das bei dir / euch der Fall ist, kannst du hier kurz einchecken und dir folgende Fragen stellen:
(Aus Sicht der mental verantwortlichen Person)
- Du erinnerst automatisch an alles – ohne es zu merken.
- Wenn du nicht an etwas denkst, passiert es nicht.
- Du bist erschöpft, aber niemand sieht warum.
(Aus Sicht der anderen Person)
- „Sag mir einfach, was ich tun soll.“
- Du willst helfen, aber wirst nie richtig ’fertig‘.
- Du fühlst dich schnell kritisiert.
EXIT Strategie
Wenn ihr ehrlich interessiert seid, aus dem Hamsterrad auszusteigen, könnt ihr mit dem Mental Load & Equal Care Test beginnen. Der nächste Schritt ist das Definieren von Arbeitspaketen.
Welche Aufgaben gehören zusammen und bilden ganze Prozesse? Sinnvoller Weise werden dann ganze Pakete aufgeteilt, sonst landet man am Ende im schlimmsten aller Szenarien: dass BEIDE dauernd an alles denken müssen.
Ein Beispiel gefällig? Nicht nur: „Ich mache die Wäsche.“
Sondern:
- Vorräte Waschmittel checken
- Waschmittel nachkaufen
- Wäsche einsammeln
- Waschen / Trocknen / Zusammenlegen
- Klamotten ausmisten
- Jahreszeitwechsel beachten
- Kaputtes ersetzen
- Kinder einbinden
Das ist ein Aufgabencluster – und sollte einer Person gehören, nicht „beiden halb“.
Was Paare in meiner Beratungspraxis schon partnerschaftlich teilen – BEISPIELE:
- Geburtstag des Kindes (kann man auch jährlich wechseln)
- Überlegung, Organisation / Bereitstellung von Osternest, Nikolaussackerl oder Adventkalender
- Arzttermine
- Freizeitaktivitäten der Kinder: Bring- und Abholdienst, Sachen packen, erinnern, WhatsApp Gruppen betreuen,…
- Geschenke für die eigene Familie (bedenken und zeitgerecht organisieren)
Diese Regeln erleichtern Paare dabei IMMER:
- Verantwortlichkeiten klar definieren
- Cluster statt Kleinteile
- Regelmäßige Load-Check-ins
- Keine Mikromanagement-Situationen
- Vertrauen statt Kontrolle
- Fehler erlauben (auch das gehört zu echter Verantwortung)
3 Gründe, warum man sich auf dieses MIENENFELD wagen soll.
Ich hasse es immer noch, wenn ich zuhause die Ungute sein muss, die auf diesen leidlichen Themen herumtrampelt und nicht müde wird, aufzuzeigen. Warum?
Wenn eine Person dauerhaft den kompletten Denk- und Organisationsapparat übernimmt, verändert das die Beziehung leise – aber tiefgreifend. Mental Load ist nicht einfach „viel zu tun haben“, sondern eine strukturelle Verschiebung von Verantwortung. Und diese Verschiebung hat Folgen.
Erstens entsteht eine Ungleichheit, die sich für beide Seiten ungut anfühlt. Die Person, die denkt und koordiniert, rutscht automatisch in eine Art Managerrolle, während die andere Seite – oft ungewollt – in der „Mitarbeiterposition“ landet. Das führt zu einem Ungleichgewicht, das auf Dauer weder partnerschaftlich noch verbindend wirkt.
Zweitens wächst emotionale Distanz. Die denkende Person fühlt sich allein gelassen – nicht, weil der andere nichts tut, sondern weil sie alles im Blick behalten muss. Gleichzeitig fühlt sich der Partner häufig unter Druck gesetzt oder kritisiert. Zwei Menschen, die sich eigentlich nah sein wollen, entfernen sich innerlich, ohne zu verstehen, warum.
Drittens kommt es zu wiederkehrenden Konflikten, die auf den ersten Blick wie „Kleinigkeiten“ wirken: Wer kauft ein? Wo sind die Turnsackerl? Warum ist die Jause schon wieder vergessen? Doch eigentlich geht es nicht um diese Details, sondern um Zuständigkeit. Um Verantwortung. Um das Gefühl, das Rad ständig alleine drehen zu müssen.
Und schließlich geht ein Stück der Partnerschaftlichkeit verloren. Eine Beziehung lebt von Teamgefühl – davon, dass zwei Menschen Verantwortung teilen und gemeinsam gestalten, auch das ist gelebte Liebe. Wenn Mental Load jedoch ungleich verteilt ist, fühlt sich die Partnerschaft weniger wie ein Team und mehr wie ein organisatorisches Gefälle an. All diese Dynamiken sind wissenschaftlich gut beschrieben. So zeigt Daminger (2019) im American Sociological Review, dass die mentale Dimension der Haus- und Familienarbeit strukturelle Ungleichheit erzeugt und oft zu emotionaler Belastung führt.
Es ist also kein individuelles Scheitern – sondern ein System, das sichtbar gemacht werden muss.
Warum Männer KEIN gutes Leben haben, wenn sie „bedient“ werden
Auf den ersten Blick scheint es für Männer bequem: Jemand denkt mit, organisiert, erinnert und hält den Familienalltag am Laufen. Doch diese vermeintliche „Entlastung“ hat einen Preis, den viele Männer erst spüren, wenn sie genauer hinsehen.
Denn wenn man im Alltag darauf angewiesen ist, erinnert zu werden, verliert man ein Stück Selbstwirksamkeit. Man wird, ohne es zu wollen, zum passiven Teil des Systems. Und passiv sein fühlt sich selten gut an – es reduziert das Vertrauen in die eigene Kompetenz und verstärkt das Gefühl, „nicht richtig mitzukommen“.
Zudem führt die ungleiche Verteilung von Denk- und Organisationsarbeit zu emotionaler Entfernung. Wenn eine Person in der „Mutterrolle“ landet, rutscht der Partner unbewusst in eine kindlichere Rolle – und das ist Gift für Nähe und Intimität. Ja, damit ist auch Sexualität gemeint. Begehren entsteht nicht aus Abhängigkeit, sondern auf Augenhöhe. Mit der eigenen Mutter willst du keine erotische Beziehung, so wie sie nicht mit ihrem Kind. Basta.
Viele Männer beschreiben zudem, dass sie sich weniger als Partner und mehr als Mitläufer fühlen, wenn die Verantwortung nicht geteilt wird. Dieses Gefühl nagt an Selbstwert und Partnerschaft auf beiden Seiten. Und die Forschung bestätigt das: Eine Studie von Carlson et al. (2016) zeigt, dass Paare mit einer gleichberechtigten Aufteilung der Haus- und Familienarbeit deutlich zufriedener sind – Männer und Frauen. Männer gewinnen also nicht, wenn sie „bedient“ werden. Sie verlieren leise – aber spürbar.
Was Männer konkret tun können
Die gute Nachricht: Mental Load lässt sich verändern – und zwar ohne Drama, ohne Vorwürfe und ohne Perfektionsanspruch.
Mit ein paar klaren Schritten, die erstaunlich viel Wirkung entfalten.
1. Nach Aufgabenclustern fragen, nicht nach Einzelaufträgen.
„Was könnte ein Bereich sein, den ich ganz übernehmen kann?“
Zuständigkeit wirkt nur, wenn sie vollständig ist – inklusive Überblick, Planung und Nachbereitung.
2. Selbst Informationen beschaffen.
Nicht warten, bis man erinnert wird. Nicht fragen: „Was soll ich tun?“
Sondern aktiv werden, sich einarbeiten, Lösungen finden.
Das ist echte Teilhabe – nicht Mitarbeit.
3. Eine echte Zuständigkeit übernehmen.
Kalender. Vorbereitung. Nachkauf. Abwicklung. Kommunikation.
Alles, was dazugehört – nicht nur die letzte sichtbare Handlung.
4. Fehler aushalten und lernen.
Niemand steigt als Profi ein. Und Perfektion ist kein Ziel. Wenn deine Partnerin deutlich mehr Erfahrung hat in einem Arbeitsprozess als du, dann nimm ihre Expertise an! Das ist in JEDEM Job dieser Welt so!
5. Regelmäßige Load-Check-ins machen.
Zehn Minuten pro Woche reichen aus, um Dynamiken sichtbar zu machen, Belastungen neu zu verteilen und nicht wieder in alte Muster zu rutschen. Warum es das alles wert ist?
Diese Schritte schaffen etwas, das jede Beziehung braucht: Klarheit, Fairness und echte Partnerschaft … nicht nur für heute, sondern langfristig.
Falls ihr euch wünscht, dieses komplexe Thema als Paar anzugehen, aber nicht recht wisst wie:
Checkt euch einen Termin im „Beziehungspickerl“ – das ist sowas wie ein jährliches Software Update für eure Liebe, wo ihr an eurer Beziehungsqualität schrauben könnt. Mit meiner Begleitung und fachlichen Moderation – hin zu der Form der Partnerschaft, die ihr euch wünscht.
von Kerstin Bamminger | Nov. 17, 2025 | Allgemein, Hilfreich, Leben, Paarbeziehung
Am Rand des nervlichen Abgrunds
„Die Frauen müssen halt aufhören, alles immer so perfekt machen zu wollen!“ War der Originalsatz der kinderlosen Psychologin, die neben mir Platz genommen hatte. Obwohl wir beide als Expertinnen geladen waren, blieb mir kurz die Spucke weg. Denn es war nicht nur fehlendes Wissen, sondern blanker Hohn, was sie von sich gab.
Während ich im Kopf den proppenvollen Alltag von Kleinkindfamilien vorüberziehen sah mit den unendlich vielen To-Dos und Dingen, die bedacht werden müssen schüttelte ich innerlich den Kopf. Gestandene, gut organisierte Frauen wandeln ob dieser Anforderungen am Rand des nervlichen Abgrunds. Ich fühlte, wie das Gespräch in eine problematische Richtung abbog und erlaubte mir nicht, direkt zu widersprechen. Doch ich blieb einigermaßen sprachlos zurück.
Man muss keine Kinder haben, um das Problem zu verstehen. Es reicht ein Mindestmaß an feministischem Denken, Fühlen und Verstehen.
Wie sich Mental Load anfühlt
Das Piepsen der Müllabfuhr Freitag Morgen reißt mich vom Küchensessel, ich eile mit dem Biomüll gerade noch rechtzeitig zur Tonne hinaus. Beim Hineingehen sehe ich den verwelkten Blumenstock an der Tür, der getauscht werden müsste. Stolpere in der Garderobe über zu viele Schuhe – die gehören längst wieder mal aussortiert, weil sie den Kids nicht mehr passen. Ich wasche den Biokübel aus, will einen neuen Beutel reingeben, doch ich greife in den leeren Karton. Also schnell auf die Einkaufsliste setzen, da koppt eine Erinnerung am Handy auf: die Zahnarzttermine sind wieder fällig. Während ich die Brote streiche, piepst schon die Waschmaschine, beim Geschirrspüler ist das Salz nachzufüllen und ein Kind ruft aus dem oberen Stock „Ich brauch’ noch 36€ für den Schulausflug – aber genau, bitte!“
Neverending story
Das ist Mental Load – und nein, es ist kein Luxusproblem, kein Frauenhobby und keine Überempfindlichkeit. Es ist die mentale Belastung des daran denken müssen, oder anders gesagt: die unsichtbare Denkarbeit, die dafür sorgt, dass das Leben rund läuft. Zwischen Terminen, To-Dos und notwendigem Vorchecking.
Fast immer hängt dieser in Familien überwiegender Weise bei den Müttern – warum das so ist, klären wir hier noch. Wir sind die, die erinnern, koordinieren und (für alle) mitdenken. Es geht nicht um das Tun, sondern um das Denken an das, was zu tun ist. Das Verheerende: diese Arbeit im Kopf hört nie auf.
Gedankenleere Räume
„Woran denkst du grad?“ Frag ich öfter meinen Mann. Und obwohl wir eine sehr feine Gesprächsbasis haben, eine offene Kommunikationskultur und ausladende Unterhaltungen lieben, sagt er manchmal: „Nix.“ Das ist für mich so ein unvorstellbarer Zustand, den ich mir nur hart auf der Yogamatte oder hin und wieder in Meditation erarbeiten kann, dass ich fast ein wenig neidisch auf ihn bin. Ich hab mich auch bei anderen eloquenten, kommunikativen und reflektierten Männern erkundigt: diesen Zustand gibt es anscheinend tatsächlich.
An dieser Verwunderung kann ich schon erkennen, dass ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stärker den Mental Load unserer Familie trage: in meinem Kopf ist es ganz selten still.
Was genau falsch läuft, wo die häufigsten Missverständnisse liegen und was unbedingt anders gedacht werden muss, kläre ich hier und heute mit sechs Bullshit Sätzen samt Erklärung auf.
Die BULLSHIT Sätze:
“Wenn’s dich stresst, dann hör halt auf, alles perfekt machen zu wollen.“
Ja, es gibt sie. Die Eltern, die jede Jausendose in ein kulinarisches und optisches Wunderwerk verwandeln, Brot in Sterne ausgestochen servieren und Geburtstagsmuffins für den Kindergarten so aufwendig verzieren, dass der örtliche Konditor vor Neid erblasst.
Manchen machen diese Dinge Spaß und die sollen es um Himmels Willen weiter so tun dürfen, wenn sie wollen.
Doch für alle anderen von uns gilt: Mental Load entsteht nicht aus unserem Perfektionismus, sondern aus Verantwortung. Weil irgendwer nun mal die Jause zubereiten und den Kuchen für die Geburtstagsfeier bereitstellen muss. Es geht nicht darum, alles richtig zu machen, sondern darum nichts zu vergessen, was sonst keiner macht – und worauf andere mündige Erwachsene sich verlassen.
„Du musst halt mal loslassen – dein Partner kann das auch!“
Ja, es gibt Menschen, die trauen ihren Partner*innen nicht mal zu, die eigenen Kinder ins Bett zu bringen. Lieber übernehmen sie alles selbst und behalten die Kontrolle, bevor alles nicht exakt so läuft, wie sie sich das vorstellen.
Doch Loslassen funktioniert nur, wenn da jemand anderes DA ist, der auch wirklich übernimmt. Vor allem, wenn niemand mehr daran denkt und erinnert. Verantwortung kann man nicht einfach fallen lassen, wie eine heiße Kartoffel – dafür geht es um zu viel: die eigenen Kinder, das eigene Wohlbefinden und die Sicherheit. Frauen machen leider die Erfahrung, dass das nicht gelingt und wichtige Dinge nicht oder fehlerhaft passieren, wenn sie nicht dahinter sind. Beispiele aus der Praxis?
- Es wird vergessen, Medikamente zu verabreichen.
- Einschlafbegleitungen eskalieren, weil Feinfühligkeit fehlt.
- Kinder werden nicht warm genug angezogen und erkälten sich.
Ich sag zwar immer: „Die Väter sind zumutbar.“ Manches halte ich jedoch auch beim Mitzuhören nur sehr schlecht aus und verstehe die Mütter umso besser.
„Ich helfe dir doch eh im Haushalt und mache fast alles!“
Tut mir Leid, das zu sagen, aber Hilfe ist da nicht gefragt. Wer „hilft“, sieht sich selbst nicht mitverantwortlich, sondern verleiht das Gefühl, es wäre eigentlich mein Job. Gutwilliger Weise nimmt man mir davon was ab.
Nein. Gleichwertige Aufteilung beginnt da, wo BEIDE den Überblick und die Verantwortung tragen, wo Bereiche sinnvoll und klug aufgeteilt werden und jeder das übernimmt in voller Konsequenz, was sein oder ihr Aufgabengebiet ist. Nicht, wo einer „mitmacht“ und dafür gerade nicht auch noch beklatscht werden will.
Wer in einem Haushalt zusammenlebt, trägt für die eigene Wäsche, den eigenen Lebensmittelbedarf oder den Dreck, den man verursacht prinzipiell selbst die Verantwortung. Partnerschaftliche Aufteilung bedeutet: jeder macht, was er kann und was notwendig ist, um das Leben BEIDER zu erleichtern.
„Ich sag dir ja immer, du brauchst mir nur sagen, was zu tun ist!“
Genau das ist jedoch Mental Load. Selbst der willigste Partner, der alle Dinge auf der Liste wie vereinbart erledigt, hat noch nicht entlastet, wenn es um die Denkarbeit geht. Die Frau ist immer noch diejenige, die Energie, Aufmerksamkeit und Fokus verliert wie ein Computer, bei dem dutzende Tabs offen sind, weil sie für Kinder (und Partner) mitdenkt. Das kostet Arbeitsspeicher und Energie und daher fühlen sich die Frauen am Ende des Tages wie ein abgestürzter PC.
Erinnern, Denken, Koordinieren – und vor allem: die Fülle dieser vielen kleinen Aufgaben sind das Problem. Wenn du jemanden brauchst, der dich erinnert, Günther, dann ist das keine Entlastung. Das ist Outsourcen deiner Verantwortung an die Person, die ohnehin zu viel für andere (Minderjährige) mitdenken muss.
„Dir kann man es ja sowieso nicht recht machen – mit deinen Ansprüchen. Wozu bemühen?“
Dass Frauen „unrealistisch hohe Ansprüche“ haben, die ihre Männer „sowieso nie erfüllen“ können ist ein dazugehöriges Problem. Die Latte hängen Frauen sich nicht selbst so hoch, sondern die Gesellschaft, die Frauen ständig daran bewertet, wie sie das mit Kind und Kegel so schaffen.
In Befragungen haben 30% der Männer außerdem angegeben, dass sie sich manchmal absichtlich ein wenig dumm anstellen, damit sie die Aufgabe nicht nochmal aufgetragen bekommen. 30% (!!!) sagen das öffentlich, wenn jemand wildfremder fragt. Die Dunkelziffer will ich lieber nicht kennen.
„Even a top-tier-man is just an average woman“
hab ich neulich auf Instagram gelesen. Was bei Frauen selbstverständlich ist, wird bei Männern glorifiziert. Was bei Frauen erwartet wird, wird bei Männern gefeiert. (Bedeutet so viel wie: „Selbst ein Mann auf Top-Niveau ist gerade mal eine durchschnittliche Frau.“)
- Er plant die Geburtstagsfeier? Der ist ja ein Jackpot.
- Wow, er geht sogar mit dem Kind zur Spielgruppe? Du hast ja Glück.
- Dein Mann besorgt den Adventkalender? Wow, so einen hätte ich auch gern.
Es gibt ja auch noch viel schlimmere Männer, ich weiß. Doch die Messlatte hängt so tief, dass sogar die Hölle angerufen hat, dass sie die nicht haben will, lautet Tara Wittwer’s Antwort darauf.
„Frauen sind halt besser organisiert! Es liegt in ihrer Natur!“
Nein, es liegt in der Sozialisation und fixierten, altbackenen Rollenbildern. Frauen müssen oft besser organisiert sein, weil es von Anfang an von ihnen erwartet wird. Sie werden gelobt, wenn sie sich besonders gut um andere kümmern, fürsorglich sind und emphatisch agieren. Jungs bekommen Schulterklopfer, wenn sie ein wenig spitzbübisch, waghalsig und sich durchsetzen. Es ist kein Talent, sondern ein System, das Menschen unterschiedlichen Geschlechts unterschiedlich formt.
Das Gehirn ist bei der Geburt identisch. Erst die Erfahrungen, die Kinder im Heranwachsen machen, wofür sie bestärkt werden und was ihnen zugetraut wird, macht sie zu geschlechtstypischeren Wesen. Und zementiert z.B. die ungleiche und ungerechte Verteilung von unbezahlter Arbeit ein, statt sie fairer zu verteilen. Weil beide es könn(t)en.
Wie wir es besser machen können
„Ach, wie ihr Frauen immer jammert. Geht doch endlich dran, eure Probleme zu lösen!“ So tönt es aus Kommentarspalten unter Mental Load Beiträgen auf Social Media.
Sachliche Kritik wird als Jammern abgetan, die strukturelle Ungelichverteilung als „Kommunikationsproblem“. Nichts desto Trotz will ich den Abschluss hier lösungsorientiert, motivierend und praxisnah gestalten.
Nicht, weil wir das Problem lösen müssen. Sondern weil ich mich immer besser fühle, wenn ich die Idee hab, wie ich selbst was anders machen kann. Daher hier Tipps für Paare, die die mentale Arbeit des Daran denken müssen fairer verteilen möchten.
Zum Abschluss ein konstruktiver Teil – lösungsorientiert, motivierend, praxisnah:
- Sichtbar machen: Sprecht über die Aufgaben, die unsichtbar sind. Macht Listen und schreibt alles auf, woran zu denken ist, damit der Laden läuft. Das ist die Basis für …
- Verantwortung teilen: Nicht Hilfe anbieten, sondern Zuständigkeit übernehmen. Ganze Prozesse auslagern, nicht nur Arbeitsschritte eines Projekts delegieren.
- Mental Load regelmäßig checken: Wer trägt gerade wie viel? Wie fühlt sich das an? Diese Gespräche als Anlass nehmen, über eigene Werte und Bedürfnisse ins Gespräch zu kommen.
- Definition of done: bei einzelnen Arbeitsabläufen (egal ob Wäsche falten, Brotdosen richten oder der Geburtstagstorte): was ist eure „Definition von Erledigt“. Wo hat jeder seinen Raum sich individuell zu entfalten in der Abwicklung und was ist absolutes Minimum.
- Vertrauen üben: Wenn der andere übernimmt, nicht kontrollieren – sondern loslassen lernen. Ermutigen und dann auch eventuelle Konsequenzen selbst übernehmen lassen.
- Systeme ändern, nicht Menschen: Wir brauchen Strukturen, die Entlastung ermöglichen – nicht mehr Selbstoptimierung. Manches schaffen wir nicht in der Familie. Es braucht die Gesellschaft und die Politik. Daher zahlt sich laut bleiben und aufzeigen immer aus. Steter Tropfen höhlt den Stein. Da bin ich mir ganz sicher.
Einladung zum Gespräch
Mental Load wird kleiner, wenn wir anfangen, darüber zu reden. Nicht mit Vorwürfen, sondern mit echtem Interesse. Denn wer Verantwortung teilt, teilt auch Erleichterung. Wo das Verständnis für diese Arbeitsleistung einziehen kann, ist der Weg zur fairen Aufteilung geöffnet. Und Gespräche über die tiefer liegenden Wertvorstellungen, Bedürfnisse und Ausrichtung erhellen den Pfad.
Ein Einstieg? Gemeinsam den Qual Care Test machen und darüber ins Gespräch kommen, wer was übernimmt und überhaupt vorher schon daran denkt. Lösungen ausprobieren und testen – evaluieren und anpassen wie ein Projekt in einem Betrieb. So soll und darf das sein. Projektmanagement vom Feinsten. Damit können Männer bestimmt gut was anfangen.
Warum sich das auszahlt? Weil Gleichberechtigung und gleichwürdige Aufteilung von Arbeitslast in Familien das beste Investment in Langlebigkeit von Beziehung ist und die Wertschätzung für das Tun des jeweils anderen (in jedem Bereich) auf ein völlig neues Niveau hebt.
Wenn du spürst, dass in eurem Alltag mehr Denkarbeit an dir hängenbleibt, bist du damit nicht allein –
und du bist auch nicht zu empfindlich.
Gleichberechtigung beginnt damit, dass wir sichtbar machen, was lange unsichtbar war.
Hol dir den Equal Care & Mental Load Test, tauch ein Stück tiefer in eure Aufteilung ein und
nimm ihn als Einladung zu einem guten Gespräch.
Nicht um Schuld zu verteilen – sondern um Entlastung, Wertschätzung und echte Partnerschaft zu schaffen.
Dein Alltag darf leichter werden.
von Kerstin Bamminger | Okt. 29, 2025 | Allgemein, Elternbeziehung, Leben, Paarbeziehung
Nach 21 Jahren Mama-Sein ziehe ich Bilanz: Was ich heute als Mutter anders machen würde, welche Fehler ich nicht mehr wiederholen würde – und worauf ich trotzdem stolz bin.
🎂 Geburtstage – mehr als Torte und Kerzen
Sie sind eine Einladung – nicht nur zum Feiern, sondern auch zum Zurückblicken und Reflektieren.
Als unsere Erstgeborene ihren 21. Geburtstag feierte, spürte ich diesen Impuls wieder mal besonders intensiv:
Ich wollte verstehen, was wir als Eltern gut gemacht haben – und wo wir heute vielleicht anders handeln würden.
Meine 5 größten Fehler als Mama füllen einen anderen Beitrag.
Elternschaft – eine Reise ohne Landkarte
Elternschaft ist eine wilde Reise – von der man (bevor sie beginnt) in Wahrheit reichlich wenig Ahnung hat. Ich hab Erzählungen anderer Eltern nicht geglaubt („Ich stell mich ja sicher mal nicht so blöd an!“) und dachte mit vier jüngeren Schwestern und als gelernte Kleinkindpädagogin hab ich alle Weisheit auf meiner Seite. Was soll schon passieren?
Wenn du schon Elternteil bist, wirst du schon an dieser Stelle milde lächeln und dich womöglich selbst wieder erkennen. Ich will ehrlich sein:
NEIN, wir haben nicht alles falsch gemacht.
JA, ich hatte Vorteile, weil ich Babypflege und-betreuung schon aus nächster Nähe miterlebt hatte.
JA, die pädagogische Ausbildung war gold wert.
JA, ich bin sehr stolz auf das Allermeiste, was wir als Eltern geleistet haben.
NEIN, wir waren auf die Realität trotzdem nicht vorbereitet.
Als ich mein 22. Jahr Elternschaft begann, habe ich mich gefragt:
„Was würde ich anders machen, wenn ich noch einmal von vorne anfangen könnte?“
Elternschaft konfrontiert dich mit dir selbst, deinen Grenzen, deinen Schatten – und deinem Herzen.
Wenn du schon Mama oder Papa bist, nickst du wahrscheinlich gerade.
Denn du weißt, wie es ist, voller Überzeugung loszugehen – und dann ganz neu lernen zu müssen.
Und auch wenn ich heute weiß, dass wir vieles richtig gemacht haben:
Wir waren nicht vorbereitet auf die Realität.
Die Antworten auf meine Frage sind ehrlich. Manchmal unbequem. Aber befreiend.
WÜRDE ICH ELTERN SEIN VON VORN BEGINNEN KÖNNEN, WÜRDE ICH …
1️⃣ Ich würde die unangenehmen Gespräche zuerst führen.
Eine Familie zu werden ist so unendlich idyllisch aufgeladen. Die allermeisten Menschen vergessen über dem Zauber des heranwachsenden Lebens, zentrale Dinge vorab zu klären. Und JA: da müssen Dinge besprochen werden. Ich würde also darauf bestehen, grundsästzliche Fragen zum Eltern sein mit meinem Partner durchzugehen, wie:
- Wie wollen wir die Arbeitslast eines Kindes (Care Arbeit) fair auf uns zwei verteilen?
Denn nein, Care Arbeit ist niemals nach 40 Wochenstunden erledigt und beide sind zuständig und fähig diese Arbeit zu tun.
- Wie wollen wir unsere Rollen als Vater / als Mutter generell anlegen und leben?
Wenn wir das nicht bewusst gestalten, finden wir uns schneller als uns lieb ist in den vorgelebten und womöglich sehr veralteten, traditionellen Rollenmustern wieder, die wir vielleicht so gar nie haben wollten.
- Wie sorgen wir für finanzielle Fairness, wenn einer mehr unbezahlte Arbeit (auch Haushalt) erledigt als der andere?
Wenn im Bereich Finanzen eine Schieflage entsteht, die nicht mit absoluter Wertschätzung und Offenheit behandelt wird, prägt das andere Lebensbereiche verlässlich negativ mit.
- Werden wir ein Pensionssplitting vereinbaren?
Oder anders gefragt: sind wir bereit unsere Einzahlungen fair zu verteilen, wenn wir unterschiedlich viel unbezahlte Arbeit leisten – haben wir die nötige Wertschätzung für BEIDE notwendigen Lebensbereiche?
- Wie wollen wir dem potenziellen Schlafmangel entgegen treten?
Sollten die Nächte sehr fordernd sein, müsst ihr euch als Team verstehen. Sonst verliert einer nicht nur den Schlaf, sondern auch bald den Verstand und jede Kooperationsfähigkeit.
- Wo werden wir lernen, was es braucht, um gute Eltern zu sein?
Denn, NEIN. Eltern sein ist nicht angeboren oder instinktiv zu erledigen. Es braucht unglaublich viel Know-How, Fachwissen und Bildung, um dem herausforderndsten, komplexesten und bedeutendsten Job der Welt halbwegs passabel erledigen zu können. Ja, du brauchst auch dein Gefühl – aber weitaus mehr erzieherische Kompetenz als du meinst.
- Welche Werte möchten wir in unserer Begleitung der Kinder hoch halten?
Wenn klar ist und regelmäßig geklärt wird, welche Werte oberste Priorität haben, fällt das Entscheidungen treffen leichter. Und du wirst sehr viele Entscheidungen treffen. Jeden Tag. Werte sind dein Kompass und dein Anker – du solltest sie im Schlaf aufsagen können.
- Wie verteilen wir den Mental Load, der sich durch Elternschaft potenziert, fair?
Wenn die ganze Denkarbeit an einer Person hängen bleibt, kann das Gefüge sehr schnell kippen und in die Überforderung führen. Es zahlt sich aus, erst gar nicht in diese Falle zu tappen versuchen – sollte das möglich sein.
- Wie sorgen wir für absolute finanzielle Transparenz und Gleichwürdigkeit? Besonders in Zeiten, wo wir nicht beide vollerwerbstätig sind, weil Kinder Zeit und Betreuung von uns brauchen?
Finanzielle Offenheit und gleichwürdiger Umgang sollten bare minimum sein, ist es aber oft nicht. Wer darauf nicht achtet findet sich schneller in Machtspielchen beim Tarnen und Täuschen wieder, als einem lieb ist. Das könnte ein großes Aua geben.
Hinter jeder einzelnen Frage steckt so viel. Nein, wir haben keine einzige dieser Fragen vor unserem ersten Kind geklärt – sondern als die Themen laut an unsere Tür geklopft haben. Wir haben erst viel zu spät bemerkt, wie stark wir ins Thema Eltern sein rein gerutscht sind, ohne bewusst zu machen, was da mit uns passiert. Das tut im Nachhinein ein bisschen weh.
Wir haben überlebt. Weil wir uns den unangenehmen Gesprächen gestellt haben.
Kann sein, dass eine von uns nicht aufgegeben hat, diese Fragen auf den Tisch zu bringen. Ups.
Glücklicherweise hatten wir ähnliche Vorstellungen von dem, wie Familie für uns aussehen sollte. Wir lebten lang ein traditionelles Rollenmodell, für das wir uns beide mehr oder weniger bewusst entschieden hatten. Trotz aller finanziellen Nachteile würde ich immer wieder den Weg gehen, die Kinder in den ersten (mindestens drei) Jahren selbst zu betreuen – für mich eine der besten Entscheidungen, wenn ich zurück schaue. Alles was es an Ausgleich dazu gebraucht hat, haben wir dann in harten Verhandlungen später fest gelegt. Den Teil hätte ich uns gern erspart – auch wenn er notwendig war.
Was ich noch anders machen würde?
2️⃣ Ich würde ein riesiges Familienbett anschaffen.
Nach kurzen Bemühungen bei Kind 1 es nach einigen Monaten im Babybett anzugewöhnen (wir scheiterten natürlich kläglich), schliefen wir überwiegender Weise in unserem Doppelbett. Zu dritt, zu viert, ganz selten zu fünft (da waren die Älteren dann schon raus).
Da wir in zahllosen Nächten zu wenig Platz hatten, würd ich aus heutiger Sicht in ein gigantisches Familienbett investieren (mindestens 3,5 m breit), wo alle nebeneinander einen gemütlichen Schlafplatz haben. In meiner Vorstellung wären die Nächte dann entspannter gewesen als mit der Notlösung, die wir aufbrachten: wir haben einfach ein Einzelbett mit Kabelbindern für ein, zwei Jahre an unser Ehebett dran gebunden.
3️⃣ Ich würde Besuche verschieben und das Wochenbett heilig halten.
Die Vorstellung, so früh wie möglich wieder „wie vorher“ zu funktionieren, weil das ein Zeichen dafür wär, es als Mutter besonders gut zu machen ist kompletter Bullshit. Keine Ahnung, wer sie mir in den Kopf gesetzt hat, aber sie war da. Erst bei Kind Nummer drei hatte ich die Coolness, Ruhe und Abgeklärtheit, allen zu sagen, dass es mir nicht gut ging (was eine reine Lüge war, mir ging’s blendend).
Diese Aussage hält verlässlich alle ungebetenen Besucher*innen fern und garantiere mir ein super entspanntes Wochenbett. Und die liebsten Freundinnen, Schwestern und engste Familie … über die freut man sich im besten Fall sowieso. wenn sie verstanden haben, wie ein guter Wochenbettbesuch aussieht! Rückblickend wünschte ich, das schon beim ersten Kind verstanden zu haben. Es „brauchte“ leider zwei, drei Brustentzündungen und eine ausgewachsene Erkältung, bis ich checkte, dass ich niemandem was beweisen muss. Schon gar nicht mir selbst. Und dass die ersten Wochen eine heilige Zeit sein dürfen, die so störungsfrei und ruhig wie möglich ablaufen dürfen.
Rückblickend: So viel richtig gemacht
Beim Zusammentragen dieser Erkenntnisse wurde mir vor allem aber eins klar: ich hab SO SO SO viel richtig gemacht, gut entschieden und mega bewältigt. Ich war 24 Jahre jung und hatte ein fantastisches Gespür für meine Babies, war so präsent und hab feinfühlig beantwortet. Die ersten Jahre sind fürchterlich anstrengend, doch es ist das beste Return on investment, das ich mir vorstellen kann. Wir haben so viel gelacht und miteinander erlebt. Wann immer ich ein altes Familienvideo aus der Schublade krame (Ja, das waren noch DVDs!), hören meine Kinder diesen Satz am häufigsten: „Ma, ham’s wir schön g’habt.“
Mir stehen jetzt wieder die Tränen in den Augen, während ich das schreibe.
Denn: JA – manches würd ich heut anders machen. Aber auf noch viel mehr in diesen 21 Jahren Elternschaft bin ich unglaublich stolz.
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von Kerstin Bamminger | Okt. 17, 2025 | Allgemein, Frauenstärke, Leben
Ich bin in eine alte Falle getappt – wieder einmal. Ein Kommentar, ein kleiner Shitstorm und eine Erkenntnis: Als Frau kannst du es einfach nicht (allen) recht machen. Welchen Fehler ich genau begangen hab, warum Kritik oft mit zweierlei Maß gemessen wird – und was das mit uns allen zu tun hat, liest du hier:
Was ein einziger Kommentar in mir ausgelöst hat.
Am dritten Oktober 2025 veröffentlichte Taylor Swift ihr neues Album. Vermutlich hast du nicht nur in meinem letzten Newsletter, sonder auch über andere Medien darüber erfahren. Es gab Zeitungsberichte, Fernsehauftritte und Radiostationen, die berichteten. Vor allem die sozialen Medien waren voll mit Beiträgen, kurzen Clips und Analysen zu dem Album. Sie wurde gefeiert, von Fans in den Himmel hoch gejubelt und stellt mit dem Album einen Rekord nach dem anderen ein. Das gefällt vielen, aber nicht allen.
Wo viel Licht, da viel Schatten.
Den prominenten Namen nützen viele Menschen, um ein bisschen von dem Ruhm mitzunaschen. Nicht zuletzt, weil es eine starke Fanbase gibt, die jedes Stückchen Information von ihr genießt, sich ihre Interpretationen auf der Zunge zergehen lässt und sie in fast religiöser Weise verehrt. So viel Licht macht erstens meist nicht nur Freunde, sondern wirft auch Schatten.
Also taucht im Zusammenhang mit ihr auch herbe Kritik auf. Vieles davon durchaus berechtigt. Sie sei eine Kapitalistin, die unethisch ihr Vermögen verdient hat und eine Wirtschaftsmaschine, die (junge) Fans gezielt und bewusst manipuliert, um viel Geld für ihre Platten oder ihren Merch (Fanartikel) auszugeben.
Kritik ist immer angebracht, wenn sie konstruktiv bleibt und mit gleichem Maß misst, wie ich finde. Ich gehe total mit dem Vorwurf konform, dass Milliardäre kaum ethisch genug sein können und es Reichensteuern braucht und auch den Einsatz von manipulativem Marketing sehe ich bedenklich. Was ein gemeinnütziges Online Magazin allerdings in einem Reel behauptet hat, entbehrt teilweise jeder Grundlage. Und hat mich zu einem Kommentar und einer kleinen Frage hingerissen. Womit wir bei meinem Fehler wären.
Was nicht im Kopf verhallt.
Leider hab ich die komische Eigenschaft, Dinge verstehen zu wollen, damit ich sie einordnen und verarbeiten kann. Deshalb hab ich in der Kommentarspalte unter dem Video nachgefragt, woher die Feststellung komme, dass Swift’s Texte „misogyn und rassistisch“ sind. Natürlich fühlte ich mich ein Stück weit persönlich angegriffen. Ich höre seit Jahren sehr viel von ihrer Musik und achte genau auf die Texte. Gleichzeitig bin ich eine glühende Feministin und Menschenfreundin – die Anschuldigung, dass Kunst, die mir gefällt, rassistisch und frauenfeindlich ist, verhallt nicht einfach in meinem Kopf.
„Rage bait“ vor korrekten Behauptungen
Was danach in den Kommentaren abging, war wirklich bemerkenswert. Das vielzitierte sonst gründlich recherchierende Magazin ging mit keiner Silbe auf irgendeinen Kommentar oder andere offene Fragen ein. Klare Strategie dahinter: Rage bait. Das heißt, mit dem Zorn der Menschen auf viel Aufmerksamkeit, Medienpräsenz und Klicks hoffen – was wunderbar geklappt hat. Das könnte man auch mal ganz grundsätzlich hinterfragen. Wie ging es weiter?
Vom Mond auf die Erde geholt
Einige andere Instagram User:innen fühlten bemüßigt, meine Fragenzeichen aus dem Kopf zu entfernen. „Wish List“ sei misogyn und rassistisch, weil Taylor darüber singt, sich einen Haufen Kinder mit Travis zu wünschen, die alle wie sie aussehen. Dass sie mit „MAGA-Fans“ abhänge, so die weitere Kritik und mit „Cancelled“ Menschen am rechten politischen Rand gut finden würde, die beleidigende, diskriminierende und homophobe Aussagen oder Handlungsweisen befürworten. Auch wenn ich es letztlich nicht eindeutig widerlegen kann: keine Person aus diesem Spektrum würde im selben Song singen: „Did you make a joke only a man could?“
Diese Anschuldigung (Frauenhass & Fremdenfeindlichkeit) ist weiter hergeholt als der Mond von der Erde entfernt ist.
Haters gonna hate.
Doch es geht gar nicht darum, ob ich nun recht habe und sie doch keine Rassistin oder Frauenhasserin (I mean…??!) ist. Was mir zwischen all den 374 Antworten vor allem bewusst wurde: als Frau KANNST du es einfach nicht recht machen. Oder, wie Taylor es sagen würde … „haters gonna hate“. Das gilt besonders für Frauen. Und macht mich ganz schön nachdenklich.
Hohe Ansprüche und verschiedene Messlatten
Nein, wir sollten nicht kritiklos alle Prominenten abfeiern. Es gibt oft genug Gründe zu zweifeln.
Nein, wir sollten nicht genau dieselben Maßstäbe an öffentliche Personen mit enormer Reichweite anlegen – sie haben mehr Verantwortung als ein Durchschnittsbürger.
Doch mit welchem Hass, mit welcher Schärfe und enormer Härte wir besonders Frauen bewerten, lässt mir einigermaßen die Kinnlade runter kippen. Selbst wenn du richtig viel richtig machst: sie werden kommen, um über dich zu richten und jede noch so kleine Ungereimtheit zu deinen Ungunsten interpretieren, um dir zu schaden.
Der wahre Verlust ist dabei viel größer. Er betrifft nämlich alle Frauen. Wenn wir es einfach nicht schaffen, Frauen ihren Erfolg zu gönnen und ihre harte Arbeit zu honorieren und uns stattdessen weiterhin gegenseitig zu zerfleischen, hinterlässt das bei mir einen sehr schalen Beigeschmack. Vor allem, wenn wir zeitgleich Männer mit denselben „Fehlbarkeiten“ (oder schlimmeren, siehe z.B. Sean Combs) ungeschoren davon kommen lassen.
Ist okay, dass Swift erfolgreich ist, aber sie soll bitte in den Augen der Kritiker auch noch die erste ethische Milliardärin sein, die bankrotte amerikanische Politik herumreißen und alle Frauen dieser Welt retten, weil ihre Mittel dafür reichen. Das schreiben echte Menschen in diesen Kommentaren. Hier wird klar:
Du kannst es einfach nicht recht machen.
Was im Großen nämlich für die Beyonces, Rhiannas und Taylor Swifts dieser Welt gilt, gilt schon lange im Kleinen für jede einzelne Frau in ihrer Lebensrealität.
Du darfst nicht zu dünn und nicht zu dick sein, nicht zu leise und nicht zu laut, nicht zu jung und nicht zu alt sein, um Kinder zu bekommen. Du sollst nicht zu wenige und nicht zu viele Kinder haben, nicht Karrierefrau aber auch nicht Hausmütterchen sein, vor allem nicht zu emotional aber bitte auch nicht kaltblütig. Ich bin sicher, jede Frau, die das liest, kann in irgendeiner Weise andocken, weil jede von uns das früher oder später am eigenen Leib erfährt.
Verbindendes vor Trennendes stellen – eine kluge Idee
„Ob es mir nicht reiche, dass sie mit MAGA Leuten abhänge?“ wurde ich bei meiner verzweifelten Suche nach Antworten in der Kommentarspalte gefragt. Natürlich finde ich die politische Haltung vieler Trump Anhänger schwierig. So schwierig, dass ich teilweise die Lust am Debattieren verlier – und das mag was heißen bei mir, denn ich lieeeebe herzhafte Diskussionen. Wir haben ja einiges an Familie in den USA und Teile davon sind auch Republikaner und Trump-Wählerinnen. Kann ich das verstehen? Definitiv nicht. Aber mag ich diese Menschen trotzdem? Aus vollem Herzen. Wir wissen halt, dass es meistens klüger ist, politische Themen auszusparen – damit wir unsere Beziehung zueinander aufrecht erhalten können. Wir können das Verbindende vor das Trennende stellen.
Das wünsche ich mir auch im Großen und Ganzen. Für alle Menschen, besonders aber für uns Frauen.
- Ein bisschen weniger Neid auf die Erfolge der anderen und ein wenig mehr Mitfreuen und Euphorie wenn Dinge geschafft sind.
- Ein bisschen weniger Hass auf die glitzernden Persönlichkeiten und ein wenig mehr Liebe mit dem Bewusstsein: wir sind alle Menschen, die irgendwie versuchen, dieses kleine Leben zu genießen.
- Ein bisschen weniger Perfektionismus und ein bisschen mehr Menschlichkeit und Milde, damit wir begreifen: niemand muss alles perfekt machen. Es reicht, gut genug zu sein.
Late to the party
Das besagte Magazin hat angesichts der Kommentarexplosion dann doch noch ein Statement verfasst, sich aber weiter gerechtfertigt und dann einen Teil sang- und klanglos wieder gelöscht, weil die Quellenangabe nicht gehalten hat. So gehe ich mit ein klein wenig Genugtuung aber der Erkenntnis, die Kommentarspalten zu heißen Themen großräumig zu umschiffen, in dieses Wochenende. Und beende diesen Text mit einem Zitat:
Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.
(Deutsches Sprichwort)
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