Was fixierte Geschlechterbilder, das Nadelöhr Elternwerden und aktuelle Studien über glückliche Beziehungen verraten.
Wer hat in der Beziehung das Sagen? Und warum könnte echte Gleichberechtigung die effektivste Paartherapie überhaupt sein? Ein persönlicher und fundierter Blick darauf, warum die faire Verteilung von (unbezahlter) Arbeit nicht nur Beziehungen rettet, sondern auch Gewalt reduziert.
WER HAT DAS SAGEN? So lautete der Titel einer mehrtägigen Fortbildung letzte Woche in Salzburg zum Thema Geschlechtergerechtigkeit in Beziehungen an der ich teilgenommen hab. Das Thema Ebenbürtigkeit und Gleichberechtigung in Partnerschaften beschäftigt mich schon viele Jahre. Nicht zuletzt, weil eine faire Verteilung von Arbeit, Verantwortung, aber auch von Macht und Entscheidungsfreiheit auch in unserer eigenen Beziehung oft ein Konfliktpunkt war und ist. Wie bedeutend Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern wirklich ist, wurde mir in diesen Tagen erneut – und schmerzlich – bewusst.
Warum Gender Equality die beste Paartherapie sein könnte
„Wer denkt an die Zahnarztkontrolle der Kinder und vereinbart den Termin? Wer weiß, wann die Patenkinder Geburtstag haben? Wer übernimmt die Betreuung der Kinder, wenn sie krank sind? Und wer hat im Blick, dass das Klopapier ausgeht?“
Viele Männer würden spontan sagen: „Bei uns ist alles gerecht aufgeteilt.“ Doch schaut man genauer hin, zeigt sich oft ein anderes Bild. Denn Geschlechtergerechtigkeit beginnt nicht erst bei der Frage, wer das Geld verwaltet. Sie beginnt viel früher – bei der mentalen, emotionalen und sozialen Verantwortung. Bei den unsichtbaren Aufgaben des Alltags (Mental Load) und bei der Freiheit und Möglichkeit, unabhängige Entscheidungen zu treffen.
In den letzten Jahren habe ich mit hunderten Paaren in der Beratung und in der Erwachsenenbildung gearbeitet. Klar ist: Jedes Paar hat seine eigenen Herausforderungen, eine individuelle Geschichte und einzigartige Persönlichkeiten. Doch wenn ich einen großen, gemeinsamen Nenner für die wirklich heftigen Probleme in Paarbeziehungen ausmachen müsste, dann ist es dieser: die ungleiche und unfaire Verteilung von Verantwortung, Macht und unbezahlter Arbeit.
So oft fehlt das Verständnis für die Situation und die Belastungen des anderen, schlicht weil man nicht in dessen Schuhen läuft. Nicht zuletzt deshalb wäre eine 50:50-Aufteilung langfristig wohl bei fast allem die beste Paartherapie der Welt. Am Ende würde es mich als Paartherapeutin gar nicht mehr brauchen. Noch habe ich davor keine Angst. Oder doch?
Wir sind doch alle längst gleichberechtigt!
Wer meint, der Feminismus habe doch schon genug erreicht und Frauen könnten in unserer westlichen, zivilisierten Welt ohnehin alles tun, was Männer auch tun, dem sei zuallererst das Buch von Alexandra Zykunov mit eben diesem Titel empfohlen. Lies es lieber in Etappen, sonst kommt dir das Frühstück vermutlich wieder hoch.
Wie weit die diversen „Gender Gaps“ (vom Pay Gap über den Care Gap bis zum Health Gap) noch auseinanderklaffen, kann man oft nur in kleinen Dosen verdauen. Die immer noch bestehende Schieflage führt natürlich zu den unterschiedlichsten Auswirkungen. Heute will ich mich aber auf die aus meiner Sicht bedeutendste und wichtigste Folge fokussieren: dass fehlende Gerechtigkeit die Gewalt in unserer Gesellschaft und in unseren Wohnungen befeuert. Und wenn wir eines nicht brauchen können, dann ist es ein noch schärferer Kampf zwischen den Geschlechtern. Wir brauchen mehr Miteinander, einen “Feminismus des Miteinander”, wie auch Mareike Fallwickl in ihrem Buch “Liebe Jorinde” betont.
Geschlecht ist mehr als Biologie
Damit das klar ist: Wir wissen ziemlich genau, dass einen Penis zu haben, nicht automatisch bedeutet, männlich zu sein. Genauso wie eine Vagina zu haben, nicht per se weiblich bedeutet. Weit mehr als durch biologische und sichtbare Voraussetzungen ist unser Geschlecht durch soziale Rahmenbedingungen, kulturelle Normen, gesellschaftliche Strukturen und die persönliche Entwicklung bestimmt. Es sind Positionen, die wir einnehmen – und die wir auch verändern können.
Hormone steuern unser Verhalten nicht willkürlich. Gehirne sind ein Leben lang formbar, und es gibt keine typisch „weiblichen“ oder „männlichen“ Gehirnanteile. Die Vielfalt ist in uns angelegt wie das Licht in vierundzwanzig Stunden: Es gibt den Tag, es gibt die Nacht und dazwischen alle Nuancen der Dämmerung. Dieses Bild hilft mir, fixierte Rollenbilder aufzuweichen und uns selbst bewusst differenziert wahrzunehmen.
Mythen über Männer und Frauen
So lassen sich weit verbreitete Annahmen im Zusammenhang mit Geschlechterstereotypen recht einfach widerlegen. Zum Beispiel diese hier:
Die Frau gehört von Natur aus an den Herd.
Männer sind ausschließlich Jäger und gefühlsarm.
Mütterlichkeit ist ein angeborener Instinkt.
Männer sind von Natur aus weniger fürsorglich.
Alle diese Aussagen lassen sich wissenschaftlich nicht aufrechterhalten. Besonders die Elternschaft und das Zusammenleben als Paar haben sich evolutionär ganz anders entwickelt. Paare waren in Jäger- und Sammlergesellschaften ebenbürtig organisiert und haben ihre Kinder gemeinsam unterwiesen.
„Die auf Gleichheit basierende Balance der Geschlechter, die auch die Grundlage bildete für das Cooperative Breeding (gemeinsames Aufziehen des Nachwuchses), war das Erfolgsrezept des Homo sapiens.“ (Quelle: van Schaik / Michel 2020: „Sorge – Das entscheidende Element der Menschwerdung“)
Nichts davon fällt uns bei der Geburt eines Kindes einfach so auf den Kopf. Und wenn wir uns das bewusst machen, stellt sich plötzlich die Frage: Wie wollen wir denn leben, wenn jeder (fast) alles kann? Abseits von fixierten Identitäten wie „wir Frauen“ oder „wir Männer“? Und wie können wir dieses Dilemma auflösen, um mehr Gerechtigkeit zu erfahren?
Bild: KI generiert mit ChatGPT
Wie passt das Kamel durch das Nadelöhr?
Bis Menschen Eltern werden, klaffen die Lücken meist noch nicht so weit auseinander. Doch danach geht es schlagartig bergab mit der Egalität:
8 von 10 Vätern nehmen überhaupt keine Karenzzeit, wenn ein Kind kommt.
Nur 1 % der Väter in Österreich bleibt länger als 3 bis 6 Monate beim Kind.
Dafür sind drei Viertel der Frauen auch nach 18 Monaten nicht wieder erwerbstätig.
76,1 % der Frauen mit Kindern unter 15 Jahren arbeiteten 2024 in Teilzeit.
Das bedeutet: Elternschaft sorgt bei Frauen für eine enorme Veränderung der Lebenssituation (und für eine Zunahme der Teilzeitarbeit, weil sich schließlich irgendwer um die Kinder kümmern muss), während Väter nach der Geburt sogar seltener in Teilzeit arbeiten als kinderlose Männer (!). Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Selbst die arbeitnehmerfreundlichen Gesetze zum Recht auf Elternteilzeit können das bisher kaum verbessern. Obwohl repräsentative Daten fehlen, bestätigen Umfragen mein Gefühl: Die Angst vor finanziellen Einbußen, Karriereängste und negative Reaktionen von Arbeitgebern sind echte Hürden für die Väterkarenz und erst recht für die Elternteilzeit bei Männern.
Mit weitreichenden Folgen für die Frauen, aber auch für die Väter und Kinder in Österreich. Wir sind also weit, weit weg von einer gerechten Verteilung der Arbeit (der bezahlten wie der unbezahlten) und bekommen das Kamel namens „Geschlechtergerechtigkeit“ einfach nicht durch das Nadelöhr des Elternwerdens.
Warum wäre das so wichtig?
Geschlechtergerechtigkeit ist die wirksamste Gewaltprävention
Ich gestehe: Lange Zeit gehörte ich zur Fraktion: „Ja, bedeutet Feminismus denn nicht, dass wir frei wählen dürfen, wer die Kinder betreut und wer die Erwerbsarbeit übernimmt? Was, wenn die Frau das einfach gerne und lieber macht als der Vater?“
Diese Position habe ich in den letzten Jahren revidiert, weil ich gelernt habe: Die Gleichstellung von Eltern ist die wirksamste und wichtigste Prävention gegen Gewalt.
In einer österreichischen Studie zu Gewalterfahrungen bei Kindern, die gerade im Erscheinen ist (Scambor / Bergmann), kommt deutlich heraus: Die Gewaltraten sind am geringsten (20,5 %), wenn beide Eltern partnerschaftlich für die Familie sorgen. Sie sind höher (28,9 %), wenn primär die Mütter sorgen, und am höchsten (35,3 %), wenn Väter das letzte Wort haben. Eine Studie aus Norwegen (Holter et al., 2009) kommt zu ähnlichen Ergebnissen – nur dass wir in Österreich ohnehin auf einem höheren Gewaltniveau starten, weil wir so schön traditionell sind. Sarkasmus Ende.
Die Zahlen sprechen im Hinblick auf Gewalterfahrungen eine eindeutige Sprache: 50:50 ist das anzustrebende Modell. Ja, das bedeutet, dass Mütter ein Stück weit auf ausgedehnte, jahrelange exklusive Fürsorgezeiten verzichten und Verantwortung an die Väter abtreten müssen. Und ja, das bedeutet, dass auch Väter in die Pflicht genommen werden müssen, ihren elterlichen Aufgaben nachzukommen – jenseits der Rolle des Familienernährers. Nicht nur wegen der Gewaltstatistik, obwohl das allein Argument genug sein müsste. Sondern vor allem, weil:
Kinder ein Recht auf BEIDE Eltern haben
Und alle in der Familie haben etwas davon, wenn das Paar sich die anstehenden Aufgaben auf Augenhöhe aufteilt. Wenn Väter auch mindestens 45 % der Hausarbeit übernehmen (also waschen, kochen und putzen für die Familie), dann zeigen sich erst die wirklich positiven Effekte:
Kinder entwickeln sich besser, haben höhere Bildungs- und Lernerfolge.
In den Familien treten seltener Depressionen auf.
Väter sind gesünder.
Mütter sind gesünder.
Beziehungen sind glücklicher.
Väter haben besseren Sex.
Gewalt in Beziehungen nimmt ab.
Kurz gesagt: Mehr Gleichberechtigung bedeutet mehr Lebensqualität – für alle. Es braucht also eine Veränderung der Positionen im Geschlechterverhältnis, damit wir ein Aufbrechen von alten Männlichkeitsmustern erreichen. Weg von einer traditionellen Männlichkeit, die oft geprägt ist von „stark sein“, „keine Gefühle zeigen“ und „Leistung erbringen“, hin zu einer sogenannten „Caring Masculinity“ – also einer sorgenorientierten Männlichkeit.
Die patriarchale Dividende – der unsichtbare Vorteil
Bei allen Nachteilen, die auch Männer durch starre Rollenbilder erleben, ist es wichtig zu betonen: Sie sind strukturell nicht diskriminiert – anders als Frauen oder andere Minderheiten. Sie profitieren von der sogenannten „patriarchalen Dividende“. Das sind die Vorteile, die man Kraft der Geburt als Mann in unserer Gesellschaft hat – egal ob man das will oder nicht, ob man danach gefragt hat oder nicht.
Das anzuerkennen, ist für Männer wohl nicht immer die angenehmste Übung. Aber es ist ein wichtiger Schritt, um eingefahrene Positionen aufzubrechen, gleiche Teilhabe zu ermöglichen und altbackene Hierarchien endlich abzubauen.
Liebe gute Fee, ich wünsche mir was …
Nachdem ich nun weiß, was ein wirksamer Hebel für weniger Gewalt in der Gesellschaft (besonders gegenüber Frauen), ein Mittel für größere Fairness in Beziehungen und eine Maßnahme für mehr Lebensqualität aller Menschen ist, lasst mich kurz Familienministerin werden und Folgendes umsetzen:
Eltern sind künftig verpflichtet, gleich lang in Karenz zu gehen.
Mütter nehmen die ersten 1,5 Jahre, Väter die zweiten 1,5 Jahre.
Danach gilt die Empfehlung, beide Elternteile jeweils 30 Stunden arbeiten zu lassen.
Wer sich nicht daran hält, muss mit spürbaren finanziellen Einbußen rechnen (weniger oder kein Kinderbetreuungsgeld / Familienbeihilfe).
Kinderbetreuungseinrichtungen, die wie Krankenhäuser organisiert sind und scharf über den Rechten von Kindern wachen, damit diese nicht “abgeschoben” werden können.
Bessere Karrierechancen für diejenigen, die Elternkarenz und -teilzeit in Anspruch genommen haben.
Plus (wenn wir schon dabei sind): verpflichtende Elternbildung im Ausmaß von mindestens 40 Stunden zu Themen nach Wahl.
Das sollte für den Anfang reichen. Liebe Fee, mach bitte, dass diese Forderungen von allen Parteien – weil absolut sinnvoll und wichtig – durchgewinkt werden. Danach kehre ich auch gerne wieder in meinen Beruf als psychologische Beraterin zurück.
Außer natürlich, es geht allen Paaren dann so gut, dass sie meine Dienste überhaupt nicht mehr benötigen. Aber keine Sorge: Ich habe genug Talente, mir fällt dann schon was Neues ein!
Träum weiter! Das ist nicht die Realität. Oder doch?
Männer sind eben nicht so, wie ihr Frauen euch das vorstellt! Und außerdem: es fehlen ihnen einfach die Vorbilder, woher sollen sie denn wissen, wie man “anders sein kann” als Mann? Ich möchte diesen Beitrag unbedingt mit hoffnungsvollen Gedanken schließen und zitiere an dieser Stelle nochmal aus Mareike Fallwickl’s Buch. Warum ich glaube, dass es was werden kann:
” Erstens haben Menschen schon immer etwas getan, was niemand vor ihnen getan hat. Das nennt man Fortschritt und Weiterentwicklung, es braucht dazu keine vorher ausgetretenen Pfade.
Zweitens gibt es das Prinzip des Negativbeispiels: Wir können lernen, das, was andere tun, selbst nicht zu tun, weil wir erleben, dass es schädlich ist.
Drittens haben die Mädchen, die sich in Richtung Gleichberechtigung und Feminismus orientieren, auch keine Vorbislder, ganz im Gegenteil: Es gibt kaum “mächtige” Frauen als Role Models in dieser männerdominierten Welt. (…) Trotzdem gelingt es ihnen, über den Tellerrand zu schauen und aufzubegehren, neue Wege zu gehen, sich umzuorientieren, von innen heraus nach mehr Teilhabe und Gestaltungsmöglichkeiten zu verlangen.”
(Quelle: Fallwickl, Mareike „Liebe Jorinde oder Warum wir einen neuen Feminismus des Miteinander brauchen.“)
Amen.
Ich bin unglaublich gespannt auf deine Meinung zu diesem Thema. Antworte mir gerne per E-Mail oder hinterlasse einen Kommentar unter dem Beitrag! Danke für dein Mitdenken und – fühlen!
Ich bin in eine alte Falle getappt – wieder einmal. Ein Kommentar, ein kleiner Shitstorm und eine Erkenntnis: Als Frau kannst du es einfach nicht (allen) recht machen. Welchen Fehler ich genau begangen hab, warum Kritik oft mit zweierlei Maß gemessen wird – und was das mit uns allen zu tun hat, liest du hier:
Was ein einziger Kommentar in mir ausgelöst hat.
Am dritten Oktober 2025 veröffentlichte Taylor Swift ihr neues Album. Vermutlich hast du nicht nur in meinem letzten Newsletter, sonder auch über andere Medien darüber erfahren. Es gab Zeitungsberichte, Fernsehauftritte und Radiostationen, die berichteten. Vor allem die sozialen Medien waren voll mit Beiträgen, kurzen Clips und Analysen zu dem Album. Sie wurde gefeiert, von Fans in den Himmel hoch gejubelt und stellt mit dem Album einen Rekord nach dem anderen ein. Das gefällt vielen, aber nicht allen.
Wo viel Licht, da viel Schatten.
Den prominenten Namen nützen viele Menschen, um ein bisschen von dem Ruhm mitzunaschen. Nicht zuletzt, weil es eine starke Fanbase gibt, die jedes Stückchen Information von ihr genießt, sich ihre Interpretationen auf der Zunge zergehen lässt und sie in fast religiöser Weise verehrt. So viel Licht macht erstens meist nicht nur Freunde, sondern wirft auch Schatten.
Also taucht im Zusammenhang mit ihr auch herbe Kritik auf. Vieles davon durchaus berechtigt. Sie sei eine Kapitalistin, die unethisch ihr Vermögen verdient hat und eine Wirtschaftsmaschine, die (junge) Fans gezielt und bewusst manipuliert, um viel Geld für ihre Platten oder ihren Merch (Fanartikel) auszugeben.
Kritik ist immer angebracht, wenn sie konstruktiv bleibt und mit gleichem Maß misst, wie ich finde. Ich gehe total mit dem Vorwurf konform, dass Milliardäre kaum ethisch genug sein können und es Reichensteuern braucht und auch den Einsatz von manipulativem Marketing sehe ich bedenklich. Was ein gemeinnütziges Online Magazin allerdings in einem Reel behauptet hat, entbehrt teilweise jeder Grundlage. Und hat mich zu einem Kommentar und einer kleinen Frage hingerissen. Womit wir bei meinem Fehler wären.
Was nicht im Kopf verhallt.
Leider hab ich die komische Eigenschaft, Dinge verstehen zu wollen, damit ich sie einordnen und verarbeiten kann. Deshalb hab ich in der Kommentarspalte unter dem Video nachgefragt, woher die Feststellung komme, dass Swift’s Texte „misogyn und rassistisch“ sind. Natürlich fühlte ich mich ein Stück weit persönlich angegriffen. Ich höre seit Jahren sehr viel von ihrer Musik und achte genau auf die Texte. Gleichzeitig bin ich eine glühende Feministin und Menschenfreundin – die Anschuldigung, dass Kunst, die mir gefällt, rassistisch und frauenfeindlich ist, verhallt nicht einfach in meinem Kopf.
„Rage bait“ vor korrekten Behauptungen
Was danach in den Kommentaren abging, war wirklich bemerkenswert. Das vielzitierte sonst gründlich recherchierende Magazin ging mit keiner Silbe auf irgendeinen Kommentar oder andere offene Fragen ein. Klare Strategie dahinter: Rage bait. Das heißt, mit dem Zorn der Menschen auf viel Aufmerksamkeit, Medienpräsenz und Klicks hoffen – was wunderbar geklappt hat. Das könnte man auch mal ganz grundsätzlich hinterfragen. Wie ging es weiter?
Vom Mond auf die Erde geholt
Einige andere Instagram User:innen fühlten bemüßigt, meine Fragenzeichen aus dem Kopf zu entfernen. „Wish List“ sei misogyn und rassistisch, weil Taylor darüber singt, sich einen Haufen Kinder mit Travis zu wünschen, die alle wie sie aussehen. Dass sie mit „MAGA-Fans“ abhänge, so die weitere Kritik und mit „Cancelled“ Menschen am rechten politischen Rand gut finden würde, die beleidigende, diskriminierende und homophobe Aussagen oder Handlungsweisen befürworten. Auch wenn ich es letztlich nicht eindeutig widerlegen kann: keine Person aus diesem Spektrum würde im selben Song singen: „Did you make a joke only a man could?“ Diese Anschuldigung (Frauenhass & Fremdenfeindlichkeit) ist weiter hergeholt als der Mond von der Erde entfernt ist.
Haters gonna hate.
Doch es geht gar nicht darum, ob ich nun recht habe und sie doch keine Rassistin oder Frauenhasserin (I mean…??!) ist. Was mir zwischen all den 374 Antworten vor allem bewusst wurde: als Frau KANNST du es einfach nicht recht machen. Oder, wie Taylor es sagen würde … „haters gonna hate“. Das gilt besonders für Frauen. Und macht mich ganz schön nachdenklich.
Hohe Ansprüche und verschiedene Messlatten
Nein, wir sollten nicht kritiklos alle Prominenten abfeiern. Es gibt oft genug Gründe zu zweifeln. Nein, wir sollten nicht genau dieselben Maßstäbe an öffentliche Personen mit enormer Reichweite anlegen – sie haben mehr Verantwortung als ein Durchschnittsbürger.
Doch mit welchem Hass, mit welcher Schärfe und enormer Härte wir besonders Frauen bewerten, lässt mir einigermaßen die Kinnlade runter kippen. Selbst wenn du richtig viel richtig machst: sie werden kommen, um über dich zu richten und jede noch so kleine Ungereimtheit zu deinen Ungunsten interpretieren, um dir zu schaden.
Der wahre Verlust ist dabei viel größer. Er betrifft nämlich alle Frauen. Wenn wir es einfach nicht schaffen, Frauen ihren Erfolg zu gönnen und ihre harte Arbeit zu honorieren und uns stattdessen weiterhin gegenseitig zu zerfleischen, hinterlässt das bei mir einen sehr schalen Beigeschmack. Vor allem, wenn wir zeitgleich Männer mit denselben „Fehlbarkeiten“ (oder schlimmeren, siehe z.B. Sean Combs) ungeschoren davon kommen lassen. Ist okay, dass Swift erfolgreich ist, aber sie soll bitte in den Augen der Kritiker auch noch die erste ethische Milliardärin sein, die bankrotte amerikanische Politik herumreißen und alle Frauen dieser Welt retten, weil ihre Mittel dafür reichen. Das schreiben echte Menschen in diesen Kommentaren. Hier wird klar:
Du kannst es einfach nicht recht machen.
Was im Großen nämlich für die Beyonces, Rhiannas und Taylor Swifts dieser Welt gilt, gilt schon lange im Kleinen für jede einzelne Frau in ihrer Lebensrealität.
Du darfst nicht zu dünn und nicht zu dick sein, nicht zu leise und nicht zu laut, nicht zu jung und nicht zu alt sein, um Kinder zu bekommen. Du sollst nicht zu wenige und nicht zu viele Kinder haben, nicht Karrierefrau aber auch nicht Hausmütterchen sein, vor allem nicht zu emotional aber bitte auch nicht kaltblütig. Ich bin sicher, jede Frau, die das liest, kann in irgendeiner Weise andocken, weil jede von uns das früher oder später am eigenen Leib erfährt.
Verbindendes vor Trennendes stellen – eine kluge Idee
„Ob es mir nicht reiche, dass sie mit MAGA Leuten abhänge?“ wurde ich bei meiner verzweifelten Suche nach Antworten in der Kommentarspalte gefragt. Natürlich finde ich die politische Haltung vieler Trump Anhänger schwierig. So schwierig, dass ich teilweise die Lust am Debattieren verlier – und das mag was heißen bei mir, denn ich lieeeebe herzhafte Diskussionen. Wir haben ja einiges an Familie in den USA und Teile davon sind auch Republikaner und Trump-Wählerinnen. Kann ich das verstehen? Definitiv nicht. Aber mag ich diese Menschen trotzdem? Aus vollem Herzen. Wir wissen halt, dass es meistens klüger ist, politische Themen auszusparen – damit wir unsere Beziehung zueinander aufrecht erhalten können. Wir können das Verbindende vor das Trennende stellen.
Das wünsche ich mir auch im Großen und Ganzen. Für alle Menschen, besonders aber für uns Frauen.
Ein bisschen weniger Neid auf die Erfolge der anderen und ein wenig mehr Mitfreuen und Euphorie wenn Dinge geschafft sind.
Ein bisschen weniger Hass auf die glitzernden Persönlichkeiten und ein wenig mehr Liebe mit dem Bewusstsein: wir sind alle Menschen, die irgendwie versuchen, dieses kleine Leben zu genießen.
Ein bisschen weniger Perfektionismus und ein bisschen mehr Menschlichkeit und Milde, damit wir begreifen: niemand muss alles perfekt machen. Es reicht, gut genug zu sein.
Late to the party
Das besagte Magazin hat angesichts der Kommentarexplosion dann doch noch ein Statement verfasst, sich aber weiter gerechtfertigt und dann einen Teil sang- und klanglos wieder gelöscht, weil die Quellenangabe nicht gehalten hat. So gehe ich mit ein klein wenig Genugtuung aber der Erkenntnis, die Kommentarspalten zu heißen Themen großräumig zu umschiffen, in dieses Wochenende. Und beende diesen Text mit einem Zitat:
Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann. (Deutsches Sprichwort)
Hormongeschwängerte Glückseligkeit, heisere Stimme und zwei Unterarme voll mit bunten Perlenbändern. So hätte der heutige Freitag sein sollen nach dem geplanten Taylor Swift Konzert in Wien. Geplatzt der Traum – am späten Mittwochabend und immer noch ist es unbegreiflich.
Warum dies junge Menschen emotional aus der Bahn wirft, was wir von Taylor Swift über Beziehungen lernen können und wie man richtig tröstet, liest du in diesem Beitrag.
Tränen fließen, stille Umarmungen werden geschenkt und es werden Löcher in die Luft gestarrt. Seit der Nachricht von der Absage der Wien Konzerte des US-Superstars Taylor Swift laufen in diesem Haushalt mehrere Seelen neben der Spur. Jahrelange Vorfreude: zerschmettert. Enthusiastische Vorbereitungen: verhöhnt. Heiß ersehntes Konzerterlebnis: torpediert.
Unfassbar, dass es ein paar wenigen hirnlosen Extremisten möglich ist, hunderttausenden jungen Menschen derart in die Suppe zu spucken.
Warum die Wogen und Emotionen bei den Fans – die sich selbst Swifties nennen – so derartig hochgehen hat mehrere Gründe, wie ich meine.
1.) Starke emotionale Verbindung
Taylor Swift ist bekannt für ihr Songwriting und verarbeitet in den Texten lebensnahe Erfahrungen, an die so viele Jugendliche und Menschen überhaupt anknüpfen können. Von enttäuschter Liebe, dem Frust der ungleichen Behandlung von Männern und Frauen bis empowernden Unterstützungshymnen: gefühlt hat Taylor Swift für jede beliebige Lebenssituation einen Song parat, der zum Ausdruck bringt, wie man sich fühlt. Das erzeugt eine starke emotionale Verbundenheit zwischen ihr und den Fans. Sie fühlen sich gehört, verstanden, abgeholt. Etwas, das ihnen so oft im echten Leben fehlt. Die Musik holt sie ab, umarmt sie und gibt ihnen Halt, wenn sie ihr Leben verarbeiten.
2.) Tiefgründige Werte
Als weibliche Künstlerin, Unternehmerin und Rollenvorbild verkörpert Taylor Swift vor allem Werte, die der jungen Generation bedeutend sind. Freiheit und Unabhängigkeit, gleiche Chancen für alle Geschlechter, Stärkung von Frauen. Sich nicht verbiegen lassen und zu sich selbst stehen – aber auch Freundlichkeit, Mitgefühl und Akzeptanz. Ein Respektvolles Miteinander, Fürsorge und ein offenes Herz für andere haben – all das kommt nicht zuletzt beim Tauschen der „Friendship Bracelets“ bei ihren Konzerten zum Ausdruck. Das mag teeniehaft und oberflächlich wirken – wer die Community kennt, erlebt aber, wie aufrichtig das gelebt wird. Der geplante Angriff auf die Konzerte ist eine Attacke auf diese Werte und schmerzt beinahe körperlich.
3.) Gelebte Beziehung
Zahlreiche Elemente der Star-Fan-Beziehung sind ein Paradebeispiel für gelungene Beziehung. Swifts ehrliches Interesse den Liebhaberinnen ihrer Musik gegenüber, geheimnisvoll versteckte Botschaften (die Spannung und Vorfreude erzeugen) und unzählige kleine Rituale, die bei Konzerten (z.B. bestimmte Zwischenrufe, Gesten, Freundschaftsbänder) gelebt werden, erzeugen eine verschworene Einheit und ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wie es gute Beziehungen brauchen. Emotionale Verbindung, das Gefühl gehört und verstanden zu sein erzeugt ein Nähegefühl ganz unabhängig von räumlicher Distanz. Über ihre Musik begleitet sie Fans durch die Höhen und Tiefen des Lebens. So ist sie ein Bestandteil des Alltags bis hin zu tragender Stütze für ihre Anhängerinnen.
Endlich einmal auch räumlich nahe sein, mit ihr live in die Musik eintauchen und Gefühle aufarbeiten und gehen lassen – durch Melodien und ihre Texte. Das wird vorerst nicht Realität für die Menschen, die sie in Wien erstmals erleben wollten. Bei allem Verständnis für die Sicherheit bei Veranstaltungen und der korrekten Entscheidung der Behörden und Swifts Management bleibt ein schaler Beigeschmack zurück.
Warum ein Konzert, wo hauptsächlich junges, weibliches Publikum anwesend sein wird und nicht ein Fußball-Em-Endspiel? Wie kann es sein, dass Taylor Swift ganze Welt bespielt und überall klappt es, nur in Wien gewinnen die Wahnsinnigen?
Natürlich wäre ein durchgeführter Terrorakt eine Katastrophe völlig anderen Ausmaßes gewesen und wir sind dankbar, dass wir heute gesund und vollzählig aufgewacht sind. Doch Trost ist das leider nur ein kleiner.
Unangenehme Gefühle wie Trauer, Frust, Wut kommen ja bei jedem Menschen vor. Nicht nur wegen abgesagter Events. In diesen Situationen ist es wichtig, nicht zu bagatellisieren oder abzulenken. Diese Sätze helfen nicht wirklich:
Das wird schon wieder, mach dir keine Sorgen!
Sie kommt bestimmt wieder, die ist ja noch so jung!
Seid froh, dass euch nix passiert ist statt euch zu ärgern!
Auch wenn jede Aussage bestimmt gut gemeint ist, hinterlässt sie beim Gegenüber den Eindruck, dass etwas mit seiner oder ihrer Empfindung nicht stimmt. „Du bist nicht richtig“ , wenn du dennoch frustriert, enttäuscht oder entsetzt bist. Hilfreich und wirklich unterstützend ist es, das Gefühl der anderen Person ernst zu nehmen, anzuerkennen und zu validieren (für WAHR erklären). Das geht zum Beispiel so:
Ich sehe, wie traurig du bist, weil …. (beliebiges Ereignis einfügen)
Das macht dich richtig wütend, dass …..(beliebige Begebenheit einfügen)
Es ist so frustrierend, dass … (beliebigen Grund einfügen)
Um Gefühle zu respektieren, anerkennen und achten zu können, muss das Gegenüber sie NICHT verstehen! Es hilft, wenn man versteht, das muss aber nicht sein. Ich kann mir denken: „Was, warum die Aufregung, ist doch völlig übertrieben!“ und dennoch mitfühlend sein.
Menschen, die emotional gerade schwere Dinge erleben wollen und sollen nicht ZU früh abgelenkt, darüber hinweggetröstet oder beschwichtigt werden.
Gefühle sind da, um gefühlt zu werden.
Freude darf sein und gefühlt werden. Dann geht sie wieder.
Enttäuschung darf sein. Dann geht sie wieder.
Zufriedenheit darf sein. Dann geht sie wieder.
Wut darf sein. Dann geht sie wieder.
Was uns bei angenehmen Gefühlen leicht fällt, wird bei belastenden Befindlichkeiten zur Herkulesaufgabe. Besonders, wenn der Schmerz nicht uns selbst, sondern Partner, Kinder oder Angehörige betrifft, halten wir furchtbar schlecht aus, dies zu ertragen. Darum wollen wir darüber hinweg „TRÖSTEN“. Wir sollten trösten, um zu trösten. Nicht, um möglichst schnell wieder Ruhe zu haben. Das ist herausfordernd und unangenehm, aber möglich.
Zwei junge Frauen sahen gestern Nachmittag, wie wieder Tränen über das Gesicht eines Mädchens flossen. Sie gingen auf sie zu und schenkten ihr selbst gebastelte Friendship Armbänder, wie es bei den Konzerten Tradition ist. Plus ein paar tröstende Worte. Diese Szene war so berührend. Denn: logisch dürfen wir etwas Gutes tun, ein Angebot machen, versuchen zu Beruhigen. Wenn die Zeit reif ist, wird sich dein Gegenüber sehr darüber freuen. Je nachdem wie heftig der Auslöser für das Gefühl ist, dauert das länger oder kürzer.
Verheulte Gesichter, getrübte Mienen und kreisende Gedanken – so sitzen wir tatsächlich heute am Küchentisch und versuchen, irgendwie einzuordnen, was da gerade vor unseren Augen den Bach hinunter schwimmt. Wir probieren, das beste draus zu machen und einfach zu sein.
Üben wir uns doch bitte alle darin, die Emotionen (eigene und fremde) zuzulassen. Fühlen, was gefühlt werden will. Loslassen, wenn es Zeit dafür ist. Und in der Zwischenzeit: da sein, ernst nehmen und aushalten. Klingt einfach – ist es nicht immer. Versuchen will ich es jedenfalls.
Ich gestehe: das ist ein wunder Punkt bei mir. Gerechtigkeit in der Familie. Auch wenn wir ein grundsätzlich sehr traditionelles Modell leben, ist mir moderne Gerechtigkeit in meiner Partnerschaft ein großes Anliegen. Und diesen Umstand auszuhandeln ist oft unangenehm. Heute nehme ich dich mit auf die Reise, was es mit der Geschlechtergerechtigkeit auf sich hat, warum diese Gerechtigkeit ALLEN nützt und welche drei Wege dabei hilfreich sein können. Los geht’s.
Männlichkeit versus Weiblichkeit
Stein des Anstoßes für diesen Beitrag war meine Teilnahme an einem Studientag, wo es genau darum ging: Gendergerechtikeit in Ehe, Partnerschaft und Familie, bei der Mag.Dr. Erich Lehner als Vortragender sein Wissen mit uns geteilt hat. Gefangen war ich gleich zu Beginn, als die Aussage nämlich war: erstens ist Gender kein Gen, kein Hormon – wir alle sind Menschen und Geschlechtlichkeit wird abseits vom Körper vor allem erlernt und dann von Mythen, Symbolen, Zuschreibungen, Meinungen und so weiter aufrechterhalten. Und zweitens: WEIBLICHKEIT ist meist nicht das Problem. Es ist die Männlichkeit, die zu zaghaft angegangen wird.
DAS GEHIRN – WEDER WEIBLICH, NOCH MÄNNLICH. SONDERN FORMBAR.
Geschlecht ist nicht nur physiologisch, es ist wird vor allem im täglichen Leben und vom ersten Tag erlernt und dann gefestigt und fixiert. Wer die langen Haare hat.
Wer mit dem Auto fährt.
Wer das Klo putzt.
Wer zur Arbeit geht.
Wer sich um ein Kind kümmert.
Wer die Wäsche macht.
In hunderttausenden Momenten entstehen in unserem Kopf Bilder zu Männlichkeit und Weiblichkeit und wir können uns dann damit identifizieren – oder eben nicht. Das Gehirn ist bei der Geburt gleich – es gibt kein weibliches oder männliches Gehirn. Es wird geformt und trainiert und hierbei spielen eben diese Erfahrungen eine wesentliche Rolle.
TIEF SITZENDE BILDER
Jeder Mensch sollte die Freiheit haben, sich nach seinen Talenten und Fähigkeiten zu entwickeln, ohne dabei in geschlechtertypische Schubladen gepresst zu werden. Es engt uns und andere ein, wenn wir denken: Warum haben diese Buben lange Haare?
Warum spielt dieses Mädchen so körperbetonten Fußball?
Warum interessiert sich der Junge für Nagellack?
Warum mag die Tochter in eine HTL?
Was, der Vater geht überwiegend in Karenz?
Wie bitte, sie bleibt nicht beim Kind zuhause?
Wir sollten längst über diese Gedanken drüber sein, doch Hand auf’s Herz: sie sitzen da irgendwo tief hinten in unseren Köpfen. Auch wenn wir sie nicht (mehr immer) aussprechen.
Also, wie kommen wir zu mehr Freiheit und Gerechtigkeit und was haben wir überhaupt davon?
WEG 1: MENSCHLICHE INTERESSEN & BERUFE
Zunächst darf gesagt sein: JEDER Mensch ist gut und richtig, so wie er ist. Wenn wir aufhören, Interessen, Talente, Begabungen oder Eigenschaften als „typisch“ weiblich oder männlich zu klassifizieren (und das tun wir!!), wär schon ein erster und wichtiger Schritt getan. Statt Frisörin, Krankenschwester oder Volksschullehrerin als Frauenberufe zu bezeichnen, Mechaniker, Metalltechniker oder Programmierer als Männerberufe einzuteilen, könnten wir uns darauf einigen, dass alles „menschliche“ Berufe oder Interessen sind. Und es für Menschen jeden Geschlechts (und da gibt es bekanntlich mehr als zwei, Stichwort LGBTQIA) okay ist, sich für welche Beschäftigung auch immer zu interessieren.
WEG 2: HALBE HALBE. BEINHART.
Damit das gelingen kann, braucht es möglichst von Geburt an Vielfalt im täglichen Erleben des Kindes. Dass beide Eltern sich anfallende Tätigkeiten ebenbürtig teilen und machen!! Die günstigste Variante ist, dass Kinder erleben, dass BEIDE Elternteile putzen, arbeiten, waschen, Geld verdienen, kochen, einschlafbegleiten, reparieren und um die Dinge kümmern, die eben anfallen. Dr. Lehner hat das mit einem alten Satz, ähnlich dem aus der Imagekampagne zum Familienrechtsänderungsgesetz aus dem Jahr 2000 ausgedrückt:
„Halbe – Halbe. Beinhart. Anders geht’s nicht.“
Mag. Dr. Erich Lehner
(Dort hieß es zwar „Ganze Männer machen Halbe-halbe.“ und gemeint war vor allem die Aufteilung der Haushaltsarbeit, doch im Kern kommt es darauf hinaus. Es braucht eine faire Aufteilung.)
WEG 3: SELBSTBESTIMMUMG ERMÖGLICHEN & FÖRDERN
Auch wenn es bequemer sein mag, in einer Art „Gewaltentrennung“ zu leben – du kümmerst dich um Erwerb, ich um den Haushalt – wir schränken die Selbstbestimmungsmöglichkeiten unserer Kinder damit ein. Ja, ich weiß. Das ist ein AUTSCH. Es ist die Aufgabe von Elternteilen, den Kindern größt mögliche Freiheit in der Selbstbestimmung des eigenen Lebens und auch Gerechtigkeit in der Beziehungsgestaltung vorzuleben.
Das ist angesichts dessen, dass es fast alle Konsumgüter (Kleidung, Lego oder Überraschungsei, um nur drei zu nennen) extra für Jungs und für Mädchen gibt, schon schwierig. Das fordert uns Eltern, diese Fixierungen nicht zu verstärken. Sonst wird sich hier nie was ändern.
THE PROBLEM IS
Ich hab ja viel mit Paaren vor der Familiengründung zu tun und ich kann sagen: die wollen das! Moderne Paare wollen sich frei entscheiden,
wer wann wieviel arbeiten geht
wer wie lange etwaige Kinder (und später auch alte, kranke oder sterbende Familienmitglieder) versorgt!
wer wann wie lange welchen Beruf ausüben kann und darf
welche Aufteilung es für anfallende Haushaltsarbeiten gibt
wer wann wie persönliche Bedürfnisse und Vorlieben (in unterschiedlichsten Lebensbereichen) leben kann.
Sie werden Eltern und stellen dann fest: wir schaffen es nicht, wie wir’s uns vorgestellt haben. Weil strukturelle Gegebenheiten wie zum Beispiel der Gender-Pay-Gap keine idealistische Entscheidung möglich machen. Vieles wird zu einer wirtschaftlichen Entscheidung. Und dann bleibt die unbezahlte Care- und Haushaltsarbeit halt wieder bei denen, die traditioneller Weise schlechter verdienen.
MÄNNER WERDEN MÜSSEN WOLLEN
Mädchen in die Technik! Frauen zurück in den Beruf! Immer diese Teilzeit-Mütter! Sucht euch halt Männerberufe, damit ihr ordentlich verdient! So und so ähnlich schallt es uns dann entgegen, dabei liegt es nicht an den Frauen, hier etwas in Bewegung zu bringen. Männer haben dafür gesorgt, dass es hier eine Schieflage zu ihren Gunsten in Punkto Bewertung gibt. Und genau diese Männlichkeit wird laut Dr. Lehner viel zu zaghaft angegangen. Obwohl sie immer noch das Weibliche dominiert (ein Blick in die Politik und Wirtschaft sollte reichen) und ungerechter Weise in vielen Belangen höher bewertet wird. Profisport – auch so eine Sache. Nicht die Frauen sollen sich mehr anstrengen und tun – die sind in diesem Hamsterrad ohnehin der Erschöpfung nahe. Es sind die Männer, die diese Situation ändern können und werden müssen wollen. (!)
WER DAVON PROFITIERT
Nicht wir Frauen sollen immer mehr so tun wie die Männer. Wo uns überhöhte und toxische Männlichkeit im Extremfall hinführt, sehen wir ja derzeit in Osteuropa. Oder an der Anzahl der Femizide in Österreich. Gewalt und Aggression hängt mit der männlichen Dominanz unmittelbar zusammen und ist ebenfalls: ERLERNT und nicht angeboren! Sonst wären ja alle Männer so, war Gott sei Dank nicht stimmt. Dennoch: Männer dürfen ihr Bild von Männlichkeit neu definieren und anpassen. Warum sie das tun sollten?
Weil die Folgen der Gleichstellung ihr eigenes Wohlbefinden erhöht (laut UNO 2015), weil es ihnen Sinn und Erfüllung schenkt und weil auch ihre soziale Kompetenz gestärkt wird. Und auch Frauen profitieren davon, die familiäre und unbezahlte Arbeit besser aufzuteilen. Sie können sich in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Erwerbstätigkeitbesser entfalten und auch das dient einer gelungenen Beziehung!
UND DIE KINDER?
Kinder profitieren wohl am meisten von gerechterer Aufteilung unter den Geschlechtern. Sie steigern nicht nur ihre Fähigkeit zur Empathie und ihre sozialen Kompetenzen, wenn beide Elternteile ebenbürtig und gerecht die Arbeit teilen. Sie können auch in der Schule leistungsfähiger sein und verfügen über bessere Problembewältigungsstrategien (Fthenakis, 1999).
Und ganz nebenbei erleben sie zufriedenere Eltern, die ihnen mehr Freiheit schenken, ihr eigenes Leben so zu entwerfen, wie es ihnen eben gefällt. Ohne in die rosa oder hellblaue Schublade passen zu müssen.
WIE KLINGT DAS FÜR DICH?
Gerechtigkeit macht übrigens besonders in Beziehungen einen riesigen Unterschied. Wenn Paare sich gerecht aufteilen, wofür sie verantwortlich sind, wenn sie sich ebenbürtig sehen und gegenseitig respektieren, sich gegenseitig Dinge zutrauen und zumuten, dann ist da viel mehr Wachstum möglich, als in fixierten Rollenbildern. Für mich klingt es danach, als wär’s die Mühe des Aushandelns wert.
Und für dich? Schreib mir deine Gedanken in die Kommentare!
Als Heldin bezeichnet man laut Wikipedia eine Frau, die außergewöhnliche Leistungen erbringt – entweder körperlicher oder geistiger Natur. Sie verfügt über heroische Eigenschaften wie Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Mut, Aufopferungsbereitschaft und Tugendhaftigkeit, sie kämpfen für Ideale und zeigen dabei hohe Einsatzbereitschaft für Menschen.
Ein Kind zu gebären, es zu stillen und monate- (oder jahrelang) mit einem Schlafdefizit klarzukommen, ist eine körperliche Höchstleistung. Wir brauchen alle oben genannten Eigenschaften in unserer täglichen Rolle als Mutter – wir setzen uns bis an unsere Belastbarkeitsgrenzen ein, wenn es um unsere Kinder geht, um unsere Familien.
Am Muttertag ernten wir dann kurz den Applaus für 364 Tage Einsatz. So weit ist alles klar – kaum jemand erhebt hier Einspruch. Interessant wird es allerdings, wenn wir über Arbeit, Anerkennung und Selbstbestimmung reden.
Wenn wir über ARBEIT reden, meinen wir Erwerbsarbeit, für die man ein Gehalt bekommt. Wir meinen die Zeit, die wir in einem Beruf verbringen, für den wir professionell ausgebildet wurden, wo es eine vertragliche Vereinbarung gibt und wir am Ende eines Monats Wertschätzung in Form von Geld bekommen.
Wie kommen wir eigentlich dazu, die Arbeit einer Mutter derartig abzuwerten?
Der Beruf der Mutter ist mindestens gleichwertig und gleichwürdig zu jeder anderen Erwerbsarbeit, wenn nicht sogar noch wichtiger, in jedem Fall aber zukunftsprägend. (Die des Vaters übrigens auch.) Kinderbetreuungsaufgaben zu übernehmen ist nicht „Urlaub vom Job“ – viele Mütter berschreiben es genau umgekehrt: „Wenn ich arbeitn geh, ist das wie Erholung von daheim!“ „Da kann ich Dinge fertig machen und erledigen, es gibt einen Anfang und ein Ende.“
Wir brauchen dringend ein neues Bild, was „ARBEIT“ ist und wie wir diese Tätigkeiten honorieren und wertschätzen wollen, denn sonst kommen wir nie zu echter Wahlfreiheit, was Familienmodelle angeht, weil es viel zu oft eine wirtschaftliche Entscheidung ist, wann und in welchem Ausmaß Eltern erwerbstätig sind. Ja, Teilzeitarbeit ist eine Gefahr und die Lücken am Pensionskonto führen vermutlich zu Altersarmut, aber doch nicht weil wir Mütter nicht arbeiten WOLLEN, sondern weil unsere Arbeit nicht entsprechend wertgeschätzt wird – nämlich entlohnt! Wir brauchen nicht den Drill, alle früh wieder in Lohnarbeit zurück zu gehen, sondern neue Modelle der Anerkennung der Familienarbeit bzw. Carearbeit.
Wenn wir über SELBSTBESTIMMUNG der Frau reden, meinen wir: sie müsse früh die Möglichkeit haben, wieder in ihren Beruf einzusteigen. Dem folgt der laute Ruf nach mehr und längerer institutioneller Kinderbetreuung verbunden mit der Annahme, dass alle Frauen das ehest möglich tun wollen. Denn: die armen Mütter müssen ja so lang hinter dem Herd ausharren.
Wie kommen wir dazu, uns allen dieses Modell überzustülpen?
Selbstbestimmung sollte vielmehr heißen, dass wir eben selbst bestimmen dürfen! Was wir wollen, was wir gut finden und wofür wir uns entscheiden
und dass es eben NICHT eine Luxus-Entscheidung sein sollte, Kinderbetreuungsaufgaben selbst zu übernehmen. Wirtschaftliche Argumente sollten niemals die menschlichen schlagen und Frauen (und Kinder!!) in eine Doppelbelastung drängen, obwohl sie etwas Anderes lieber hätten.
Ich wünsche mir, dass man laut sagen darf, dass man gern Familienarbeit übernimmt. Ich wünsche mir, dass man laut sagen darf, dass diese Arbeit sinnstiftend ist. Ich wünsche mir, dass man laut sagen darf, dass auch diese Entscheidung selbstbestimmt sein kann (und wir nicht von unseren Männern gezwungen werden ;-)!).
Ich sehe so viele kluge, gut ausgebildete, reflektierte und tolle Frauen in meinem Umfeld und in meinen Workshops, die sich viele Gedanken zum Thema Begleitung und Beziehung mit Kindern machen. Viele von ihnen haben mehr pädagogisches Gespür im kleinen Finger als so manche Lehrerin oder Kindergartenpädagogin, die ich kennengelernt habe und ich finde eindeutig, dass diese Form der Arbeit in der Familie mehr wert sein sollte.
Durch die vorgepredigte Marschrichtung „alle Frauen zurück in den Job“ bewerten wir Erwerbsarbeit höher als Familienarbeit und das ist unfair.
Wenn wir über ANERKENNUNG reden, dann sind wir ganz schnell bei den Frauen, die uns vorleben, wie „Kind und Karriere“ geht und erklären sie dann zu Nachahmungsmodellen. Soll ich ehrlich sein? Ich kann es nicht mehr hören.
Wir brauchen die menschlichen Erfolgsgeschichten, von denen, die mutig genug waren, sich gegen Trends und gesellschaftliche Vorgaben zu entscheiden. Mütter, die sich gut überlegt haben, „wie will ich das denn haben … mit meinen verschiedenen Rollen“ und bewusst und individuell Wege gehen, die nicht von Politik und Wirtschaft bereitet wurden, sondern die manchmal steinig sind, aber dafür den eigenen Überzeugungen entsprechen und sich an dem Wertekompass orientieren, dem man folgen will. Diese Entscheidungen betreffen Mütter und Väter gleichermaßen. Es braucht auch Diskussionen auf Augenhöhe, ebenbürtig, gleichwürdig und gleichwertig, wie die Aufteilung von Arbeit und Zeit gelingen kann.
Wir wollen unsere Berufe leben, etwas gestalten, haben Ziele in unserer Erwerbstätigkeit und möchten diese erreichen. Und wir brauchen GLEICHZEITZIG die Anerkennung in finanzieller und rechtlicher Hinsicht für Familienarbeit, die wir leisten.
Im Übrigen trifft diese geschlechtermäßig ungleiche Bewertung von Arbeit auch die Väter enorm, denn die sind auch in vorgeformte Rollen gepresst und können sich oft nicht dafür entscheiden, wenn sie etwas Anderes wollen. Ich bin überzeugt, dass auch viele Väter sich echte Wahlfreiheit wünschen würden und mehr Chancen, sich in der Familienarbeit einbringen zu können, ohne dabei wirtschaftlich schlecht auszusteigen, weil sie nun mal diejenigen mit dem besseren Gehalt sind und daher für den größeren Teil des Familieneinkommens Sorge tragen.
Es liegt an uns. Wir sind diejenigen, die jetzt Weichen stellen können für die Zukunft. Dafür, dass wir GLEICHWERTIG auf Familienmodelle schauen. Dass wir GLEICHWERTIG über Familienmodelle sprechen. Und dass sie GLEICHWERTIG anerkannt werden. Damit Mütter und Väter GLEICHWERTIG nebeneinander stehen können und ihren Kindern vermitteln:
wir sind beide GLEICH viel WERT, gleich gut und gleichwürdig – jeder von uns kann etwas Anderes gut und diese persönlichen, individuellen Stärken von Frauen und Männern können zusammen zu unabhängigen, zufriedenen, und überzeugten Lebensmodellen als Familie führen.
Wir brauchen Lösungen! Welche Idee hast du, um Familienarbeit aufzuwerten??
#1Sabine Ruttnigg-Felder (Freitag, 18 Oktober 2019)Dieses Thema beschäftigt mich seit ich Kinder habe- Danke Kerstin!!! Kurzfassung: weg mit allen Beihilfen!! Staatsentlohnung(wie zb Polizei, Gericht, BH, ….) wir liefern“überspitzt“ Staatsbürger und somit die nächsten Steuerzahler! Den Kindergarten, Musikschule, Krabbelgruppe uvm zahlen wir selber. Der Staat spart sich den enormen Beihilfen Dschungel und die Kindereinrichtungen. Die Eltern hätten wirkliche Wahlfreiheit! Kind und Geld in gute Hände oder gute Eigenbetreuung. Schade ist: momentan wird alles finanziert was nicht die Erziehungsberechtigten leisten. Pension wäre somit automatisch geregelt! Pensionsplitting ist ein guter Ansatz- dann würds Männer u Frauen gleich betreffen und es käme Wind in die Sache! Wieso wird unsere Pension in „dem Zeitraum“ halbiert im Vergleich zu Kinderlosen? Kurz zur Staatsentlohnung: bis zu 4 Jahren 100% Danach prozentual nach unten. Zb wenn’s Kind 5 ist 60%entlohnung mit 6 50% Entlohnung usw. Somit kann der betreffende immer mit zusätzlicher Lohnarbeit auf 100% kommen. Genaue Details würden die Kurzfassung sprengen. �- Grüße Sabine
#2Kerstin (Dienstag, 29 Oktober 2019 11:06)Liebe Sabine … danke für diese vielen Ideen. Besonders interessant finde ich deine Überlegung in punkto Pensionssplitting: stimmt – dann haben beide weniger davon, dass sie Kinder gezeugt haben. Das sind Ungerechtigkeiten, die aufhören müssen. Ich bin jedenfalls voll bei dir und unterstütze jede Form der Aufwertung von familiärer Arbeit. Vielleicht sprechen wir mal im echten Leben ausführlich darüber bei einem Glaser 🙂
Kind und Karriere unter einen Hut bringen. Ein gesellschaftlich propagiertes Ziel, unterstützt von Politik und Wirtschaft, verbunden mit ewigen Forderungen nach immer mehr und immer länger geöffneten Kinderbetreuungseinrichtungen, weil anscheinend alle Frauen beides wollen sollen.
Dabei bekommen wir oft Rollenmodelle vorgesetzt, die mit der Realität einer durchschnittlichen Familie nichts zu tun haben und für alle heißt’s aber: so geht’s!
Ich hab mir Gedanken gemacht, was die ständigen Fragen rund um die Vereinbarkeit mit uns machen und was wir uns eigentlich wünschen.
Grundsätzlich, finde ich, ist in unserem Land per Gesetz sehr viel gut geregelt, was die Rechte auf Mutterschutz, Elternkarenz und Elternteilzeit angeht. Dass diese Regelungen nur bedingt genutzt werden, hat verschiedenste Gründe, einer davon ist sicher, dass meist die Jobs der Männer besser bezahlt sind und es nicht nur eine soziale und Wunschfrage ist, sondern vor allem eine wirtschaftliche.
Doch anstatt es uns untereinander dann etwas zu erleichtern, verstärken wir vorhandene Unsicherheit auch noch im persönlichen Umgang und machen uns (vielleicht oft auch unbewusst) Druck. Und wenn es andere nicht tun, machen wir das selbst im Sinn von „… bei anderen geht’s doch auch, wieso schaff ich das nicht?“
Druck entsteht schon bei der Tatsache, dass man bereits vor der Geburt des Kindes auswählen soll, welche Kindergeldvariante man haben möchte, sprich – wie lange man der Lohnarbeit den Rücken kehren wird, ohne zu wissen, welches menschliche Wesen in die Familie geboren wird. Man weiß nichts über sein Temperament, ob es genügsam ist oder pflegeintensiv, wie man die Umstellung als Familie schafft und wie sich das kindliche Schlafverhalten entwickelt und so weiter. Man entscheidet sich quasi für die Katze im Sack. So weit, so gesetzeskonform.
Wenn ich uns dann aber zuhöre, wie wir Frauen uns unsere Lohnarbeit erklären, wird mir oft ganz schlecht, weil wir (vielleicht oft auch unbewusst, schon wieder) rechtfertigen und Fragen stellen, die nicht sein müssen.
FRAGE 1: Wann fängst du wieder zu arbeiten an?
Am liebsten würde ich da drauf schreien: ich arbeite jetzt schon und jeden Tag, da Mama sein ein 24 stunden Job ist, leider halt keine Lohnarbeit, doch: „Ich arbeite!“. Wir meinen natürlich: „wann steigst du wieder in deine Erwerbsarbeit ein“, was nicht recht viel gescheiter ist. Erstens impliziert die Frage die Idee, dass frau das wieder tun wird und sollte und zweitens auch, dass man einen fixen Plan dazu hat. Ich hab diesen Druck selbst oft gespürt, auch wenn keine der Fragenstellerinnen mich in die Enge treiben wollte, es passiert allein durch die Frage. Und das, obwohl ich gerne und aus Überzeugung neun Jahre keiner Erwerbsarbeit nachgegangen bin. Eine Antwort darauf findet sich umso schwieriger, eigentlich tappen wir immer in eine Rechtfertigung, warum, wann, wieso und wieso nicht. Das bringt mich zu
FRAGE 2: Warum so wenig Stunden?
Na gut, vielleicht fragt das nicht gleich jemand, aber wie oft ich Mütter sagen höre: „Ich arbeite eh nur ….. Stunden (bitte beliebige Zahl einsetzen)!“ ist unglaublich. Was heißt hier „nur“? Wir sollten uns nicht für unsere Arbeit entschuldigen, schon gar nicht bei Personen, die nicht zur Familie gehören. Mütter und Väter sollen die Entscheidung, wer wieviel und wann einer Erwerbsarbeit nachgeht um die Familienverhältnisse finanziell decken zu können, ganz allein entscheiden und es vor allem sich selbst recht machen. Was ohnehin schwer genug ist, denn es ist lang nicht so, dass das ein Wunschkonzert ist, sondern ein sensibles und oft ungerechtes Abwiegen von Interessen und Bedürfnissen, von wirtschaftlichen und soziokulturellen Faktoren, von Traum und Wirklichkeit. Damit sind wir bei
FRAGE 3: Warum so viele Stunden?
Diese Frage wird meist gar nicht offen gestellt, eher hinter vorgehaltener Hand: „… oh, ihr ist die Karriere wichtiger als die Kinder, wozu hat sie denn welche bekommen?“ Ja, so sind wir Frauen auch manchmal. Was irgendwie schade ist. Wir sehen nicht hinter die Kulissen und können nicht wissen, was die Beweggründe für Familien sind, sich früh für einen Wiedereinstieg mit vielen Stunden zu entscheiden. Und im Grunde geht es uns nichts an – allein dieser Familie soll es recht sein. Sie sind diejenigen, die es aushalten müssen und die Verantwortung tragen. Es können verschiedene Beweggründe sein, früh wieder viel im Erwerbsleben zu sein, nicht jede dieser Mütter ist deshalb gleich eine egoistische Karrierefrau.
Erwerbsarbeit und Familie gleichzeitig zu leben ist eine Herausforderung. Oder wie Beate Meinl-Reisinger im Wahlkampf sagte : „Ja, es ist immer eine Strudelei. Das geht doch allen so.“ Stimmt, diese ehrliche Botschaft ist ein wichtiger Schritt in der Vereinbarkeitsdebatte. Bitte glaubt nicht, dass es leicht ist. Bitte glaubt nicht, dass es einfach ist.
Wir können ALLES haben, aber ALLES GLEICHZEITIG ist schwierig.
Ehrlicherweise kann es nicht 100% Kind und 100% Karriere geben (so viel weiß ich noch von Mathe), zumindest nicht für eine Person und das ist für manche eine schmerzliche Botschaft. Verzichten, das hatten wir hier vor kurzem, ist kein Modethema unserer Gesellschaft. Die gute Nachricht ist jedoch: wir haben die Wahl und somit die Freiheit, uns nach unseren Prioriäten zu entscheiden. Jede Entscheidung FÜR etwas ist eine Entscheidung GEGEN etwas Anderes. Somit zahlt jeder und jede von uns auch einen Preis für das gewählte Modell. Und wenn man sich individuell und gut entschieden hat, zahlt man diesen Preis auch gern. Zumindest lieber als den „ANDEREN“.
Entscheidungen können getroffen, erprobt und erlebt werden und auch wieder geändert werden. Manchmal glaubt man, das Eine klappt, doch die Realität sieht anders aus und es braucht eine neue Lösung.
Kinder sind eine gemeinsame Verantwortung eines Paares. Egal, WER arbeiten geht, kann das nur tun, weil der zweite Partner die Verantwortung für die Kinder übernimmt, oder weil man gemeinsam entscheidet, die Kinder fremdbetreuen zu lassen.
Wenn man diese Haltung verinnerlicht, fällt es leichter, auf Augenhöhe zu diskutieren und dann ebenbürtige, mutige und individuelle Entscheidungen treffen zu können.
Wir Frauen brauchen starke Partner an unserer Seite, die Familienarbeit und Erwerbsarbeit gleichwürdig und gleichwertig sehen und mit uns zusammen eine Richtung finden und gehen wollen.
Und wir brauchen Kinder, die diesen Weg mitgehen können – und nicht mitgeschleift werden, weil es für sie eigentlich nicht passt. (Und Kinder brauchen jemanden, der DARAUF schaut!)
Das verlangt ganz schön viel Energie und Kraft, Ehrlichkeit und Reflexionsbereitschaft, Vertrauen und Zuversicht, Flexibilität und Hingabe und eine große Portion Optimismus.
Fragen wir also in Zuknuft lieber:
Wie geht es euch mit der Vereinbarkeit von Familie und Berufen? Was gelingt euch schon gut? Was wünscht ihr euch von der Gesellschaft an Unterstützung?
Apropos: was wünscht du dir von der Gesellschaft an Unterstützung? Immer her damit in den Kommentaren …
#1Ulli (Freitag, 04 Oktober 2019 15:47)Toller Beitrag, danke – du sprichst mir aus der Seele 🙂
#2Verena (Freitag, 04 Oktober 2019 19:08)Wie immer – grandios! Ich wünsche mir, dass VIELE FRAUEN diesen Beitrag lesen, reflektieren, verinnerlichen und WIR uns dann verbünden und die „wertvollen = richtigen“ Fragen zu stellen beginnen!!
#3Sabine (Samstag, 05 Oktober 2019 07:43)Dein Beitrag löst bei mir Zufriedenheit, Wertschätzung und auch ein bisschen Stolz für meine Entscheidungen aus, sowie auch mehr Verständnis und Toleranz für Andere (Situationen) aus. Vielen Dank dafür!
#4Kerstin (Mittwoch, 09 Oktober 2019 09:51)Danke für eure Rückmeldungen und die Bestätigung, dass dieses Thema vielen Frauen unter den Nägeln brennt. Schön, dass ihr euch die Zeit genommen habt … zum Lesen und Kommentieren!
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