Was fixierte Geschlechterbilder, das Nadelöhr Elternwerden und aktuelle Studien über glückliche Beziehungen verraten.
Wer hat in der Beziehung das Sagen? Und warum könnte echte Gleichberechtigung die effektivste Paartherapie überhaupt sein? Ein persönlicher und fundierter Blick darauf, warum die faire Verteilung von (unbezahlter) Arbeit nicht nur Beziehungen rettet, sondern auch Gewalt reduziert.
WER HAT DAS SAGEN? So lautete der Titel einer mehrtägigen Fortbildung letzte Woche in Salzburg zum Thema Geschlechtergerechtigkeit in Beziehungen an der ich teilgenommen hab. Das Thema Ebenbürtigkeit und Gleichberechtigung in Partnerschaften beschäftigt mich schon viele Jahre. Nicht zuletzt, weil eine faire Verteilung von Arbeit, Verantwortung, aber auch von Macht und Entscheidungsfreiheit auch in unserer eigenen Beziehung oft ein Konfliktpunkt war und ist. Wie bedeutend Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern wirklich ist, wurde mir in diesen Tagen erneut – und schmerzlich – bewusst.
Warum Gender Equality die beste Paartherapie sein könnte
„Wer denkt an die Zahnarztkontrolle der Kinder und vereinbart den Termin? Wer weiß, wann die Patenkinder Geburtstag haben? Wer übernimmt die Betreuung der Kinder, wenn sie krank sind? Und wer hat im Blick, dass das Klopapier ausgeht?“
Viele Männer würden spontan sagen: „Bei uns ist alles gerecht aufgeteilt.“ Doch schaut man genauer hin, zeigt sich oft ein anderes Bild. Denn Geschlechtergerechtigkeit beginnt nicht erst bei der Frage, wer das Geld verwaltet. Sie beginnt viel früher – bei der mentalen, emotionalen und sozialen Verantwortung. Bei den unsichtbaren Aufgaben des Alltags (Mental Load) und bei der Freiheit und Möglichkeit, unabhängige Entscheidungen zu treffen.
In den letzten Jahren habe ich mit hunderten Paaren in der Beratung und in der Erwachsenenbildung gearbeitet. Klar ist: Jedes Paar hat seine eigenen Herausforderungen, eine individuelle Geschichte und einzigartige Persönlichkeiten. Doch wenn ich einen großen, gemeinsamen Nenner für die wirklich heftigen Probleme in Paarbeziehungen ausmachen müsste, dann ist es dieser: die ungleiche und unfaire Verteilung von Verantwortung, Macht und unbezahlter Arbeit.
So oft fehlt das Verständnis für die Situation und die Belastungen des anderen, schlicht weil man nicht in dessen Schuhen läuft. Nicht zuletzt deshalb wäre eine 50:50-Aufteilung langfristig wohl bei fast allem die beste Paartherapie der Welt. Am Ende würde es mich als Paartherapeutin gar nicht mehr brauchen. Noch habe ich davor keine Angst. Oder doch?
Wir sind doch alle längst gleichberechtigt!
Wer meint, der Feminismus habe doch schon genug erreicht und Frauen könnten in unserer westlichen, zivilisierten Welt ohnehin alles tun, was Männer auch tun, dem sei zuallererst das Buch von Alexandra Zykunov mit eben diesem Titel empfohlen. Lies es lieber in Etappen, sonst kommt dir das Frühstück vermutlich wieder hoch.
Wie weit die diversen „Gender Gaps“ (vom Pay Gap über den Care Gap bis zum Health Gap) noch auseinanderklaffen, kann man oft nur in kleinen Dosen verdauen. Die immer noch bestehende Schieflage führt natürlich zu den unterschiedlichsten Auswirkungen. Heute will ich mich aber auf die aus meiner Sicht bedeutendste und wichtigste Folge fokussieren: dass fehlende Gerechtigkeit die Gewalt in unserer Gesellschaft und in unseren Wohnungen befeuert. Und wenn wir eines nicht brauchen können, dann ist es ein noch schärferer Kampf zwischen den Geschlechtern. Wir brauchen mehr Miteinander, einen “Feminismus des Miteinander”, wie auch Mareike Fallwickl in ihrem Buch “Liebe Jorinde” betont.
Geschlecht ist mehr als Biologie
Damit das klar ist: Wir wissen ziemlich genau, dass einen Penis zu haben, nicht automatisch bedeutet, männlich zu sein. Genauso wie eine Vagina zu haben, nicht per se weiblich bedeutet. Weit mehr als durch biologische und sichtbare Voraussetzungen ist unser Geschlecht durch soziale Rahmenbedingungen, kulturelle Normen, gesellschaftliche Strukturen und die persönliche Entwicklung bestimmt. Es sind Positionen, die wir einnehmen – und die wir auch verändern können.
Hormone steuern unser Verhalten nicht willkürlich. Gehirne sind ein Leben lang formbar, und es gibt keine typisch „weiblichen“ oder „männlichen“ Gehirnanteile. Die Vielfalt ist in uns angelegt wie das Licht in vierundzwanzig Stunden: Es gibt den Tag, es gibt die Nacht und dazwischen alle Nuancen der Dämmerung. Dieses Bild hilft mir, fixierte Rollenbilder aufzuweichen und uns selbst bewusst differenziert wahrzunehmen.
Mythen über Männer und Frauen
So lassen sich weit verbreitete Annahmen im Zusammenhang mit Geschlechterstereotypen recht einfach widerlegen. Zum Beispiel diese hier:
- Die Frau gehört von Natur aus an den Herd.
- Männer sind ausschließlich Jäger und gefühlsarm.
- Mütterlichkeit ist ein angeborener Instinkt.
- Männer sind von Natur aus weniger fürsorglich.
Alle diese Aussagen lassen sich wissenschaftlich nicht aufrechterhalten. Besonders die Elternschaft und das Zusammenleben als Paar haben sich evolutionär ganz anders entwickelt. Paare waren in Jäger- und Sammlergesellschaften ebenbürtig organisiert und haben ihre Kinder gemeinsam unterwiesen.
„Die auf Gleichheit basierende Balance der Geschlechter, die auch die Grundlage bildete für das Cooperative Breeding (gemeinsames Aufziehen des Nachwuchses), war das Erfolgsrezept des Homo sapiens.“
(Quelle: van Schaik / Michel 2020: „Sorge – Das entscheidende Element der Menschwerdung“)
Nichts davon fällt uns bei der Geburt eines Kindes einfach so auf den Kopf. Und wenn wir uns das bewusst machen, stellt sich plötzlich die Frage: Wie wollen wir denn leben, wenn jeder (fast) alles kann? Abseits von fixierten Identitäten wie „wir Frauen“ oder „wir Männer“? Und wie können wir dieses Dilemma auflösen, um mehr Gerechtigkeit zu erfahren?

Bild: KI generiert mit ChatGPT
Wie passt das Kamel durch das Nadelöhr?
Bis Menschen Eltern werden, klaffen die Lücken meist noch nicht so weit auseinander. Doch danach geht es schlagartig bergab mit der Egalität:
- 8 von 10 Vätern nehmen überhaupt keine Karenzzeit, wenn ein Kind kommt.
- Nur 1 % der Väter in Österreich bleibt länger als 3 bis 6 Monate beim Kind.
- Dafür sind drei Viertel der Frauen auch nach 18 Monaten nicht wieder erwerbstätig.
- 76,1 % der Frauen mit Kindern unter 15 Jahren arbeiteten 2024 in Teilzeit.
Das bedeutet: Elternschaft sorgt bei Frauen für eine enorme Veränderung der Lebenssituation (und für eine Zunahme der Teilzeitarbeit, weil sich schließlich irgendwer um die Kinder kümmern muss), während Väter nach der Geburt sogar seltener in Teilzeit arbeiten als kinderlose Männer (!). Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Selbst die arbeitnehmerfreundlichen Gesetze zum Recht auf Elternteilzeit können das bisher kaum verbessern. Obwohl repräsentative Daten fehlen, bestätigen Umfragen mein Gefühl: Die Angst vor finanziellen Einbußen, Karriereängste und negative Reaktionen von Arbeitgebern sind echte Hürden für die Väterkarenz und erst recht für die Elternteilzeit bei Männern.
Mit weitreichenden Folgen für die Frauen, aber auch für die Väter und Kinder in Österreich. Wir sind also weit, weit weg von einer gerechten Verteilung der Arbeit (der bezahlten wie der unbezahlten) und bekommen das Kamel namens „Geschlechtergerechtigkeit“ einfach nicht durch das Nadelöhr des Elternwerdens.
Warum wäre das so wichtig?
Geschlechtergerechtigkeit ist die wirksamste Gewaltprävention
Ich gestehe: Lange Zeit gehörte ich zur Fraktion: „Ja, bedeutet Feminismus denn nicht, dass wir frei wählen dürfen, wer die Kinder betreut und wer die Erwerbsarbeit übernimmt? Was, wenn die Frau das einfach gerne und lieber macht als der Vater?“
Diese Position habe ich in den letzten Jahren revidiert, weil ich gelernt habe: Die Gleichstellung von Eltern ist die wirksamste und wichtigste Prävention gegen Gewalt.
In einer österreichischen Studie zu Gewalterfahrungen bei Kindern, die gerade im Erscheinen ist (Scambor / Bergmann), kommt deutlich heraus: Die Gewaltraten sind am geringsten (20,5 %), wenn beide Eltern partnerschaftlich für die Familie sorgen. Sie sind höher (28,9 %), wenn primär die Mütter sorgen, und am höchsten (35,3 %), wenn Väter das letzte Wort haben. Eine Studie aus Norwegen (Holter et al., 2009) kommt zu ähnlichen Ergebnissen – nur dass wir in Österreich ohnehin auf einem höheren Gewaltniveau starten, weil wir so schön traditionell sind. Sarkasmus Ende.
Die Zahlen sprechen im Hinblick auf Gewalterfahrungen eine eindeutige Sprache: 50:50 ist das anzustrebende Modell. Ja, das bedeutet, dass Mütter ein Stück weit auf ausgedehnte, jahrelange exklusive Fürsorgezeiten verzichten und Verantwortung an die Väter abtreten müssen. Und ja, das bedeutet, dass auch Väter in die Pflicht genommen werden müssen, ihren elterlichen Aufgaben nachzukommen – jenseits der Rolle des Familienernährers. Nicht nur wegen der Gewaltstatistik, obwohl das allein Argument genug sein müsste. Sondern vor allem, weil:
Kinder ein Recht auf BEIDE Eltern haben
Und alle in der Familie haben etwas davon, wenn das Paar sich die anstehenden Aufgaben auf Augenhöhe aufteilt. Wenn Väter auch mindestens 45 % der Hausarbeit übernehmen (also waschen, kochen und putzen für die Familie), dann zeigen sich erst die wirklich positiven Effekte:
- Kinder entwickeln sich besser, haben höhere Bildungs- und Lernerfolge.
- In den Familien treten seltener Depressionen auf.
- Väter sind gesünder.
- Mütter sind gesünder.
- Beziehungen sind glücklicher.
- Väter haben besseren Sex.
- Gewalt in Beziehungen nimmt ab.
Kurz gesagt: Mehr Gleichberechtigung bedeutet mehr Lebensqualität – für alle. Es braucht also eine Veränderung der Positionen im Geschlechterverhältnis, damit wir ein Aufbrechen von alten Männlichkeitsmustern erreichen. Weg von einer traditionellen Männlichkeit, die oft geprägt ist von „stark sein“, „keine Gefühle zeigen“ und „Leistung erbringen“, hin zu einer sogenannten „Caring Masculinity“ – also einer sorgenorientierten Männlichkeit.
Die patriarchale Dividende – der unsichtbare Vorteil
Bei allen Nachteilen, die auch Männer durch starre Rollenbilder erleben, ist es wichtig zu betonen: Sie sind strukturell nicht diskriminiert – anders als Frauen oder andere Minderheiten. Sie profitieren von der sogenannten „patriarchalen Dividende“. Das sind die Vorteile, die man Kraft der Geburt als Mann in unserer Gesellschaft hat – egal ob man das will oder nicht, ob man danach gefragt hat oder nicht.
Das anzuerkennen, ist für Männer wohl nicht immer die angenehmste Übung. Aber es ist ein wichtiger Schritt, um eingefahrene Positionen aufzubrechen, gleiche Teilhabe zu ermöglichen und altbackene Hierarchien endlich abzubauen.
Liebe gute Fee, ich wünsche mir was …
Nachdem ich nun weiß, was ein wirksamer Hebel für weniger Gewalt in der Gesellschaft (besonders gegenüber Frauen), ein Mittel für größere Fairness in Beziehungen und eine Maßnahme für mehr Lebensqualität aller Menschen ist, lasst mich kurz Familienministerin werden und Folgendes umsetzen:
- Eltern sind künftig verpflichtet, gleich lang in Karenz zu gehen.
- Mütter nehmen die ersten 1,5 Jahre, Väter die zweiten 1,5 Jahre.
- Danach gilt die Empfehlung, beide Elternteile jeweils 30 Stunden arbeiten zu lassen.
- Wer sich nicht daran hält, muss mit spürbaren finanziellen Einbußen rechnen (weniger oder kein Kinderbetreuungsgeld / Familienbeihilfe).
- Kinderbetreuungseinrichtungen, die wie Krankenhäuser organisiert sind und scharf über den Rechten von Kindern wachen, damit diese nicht “abgeschoben” werden können.
- Bessere Karrierechancen für diejenigen, die Elternkarenz und -teilzeit in Anspruch genommen haben.
- Plus (wenn wir schon dabei sind): verpflichtende Elternbildung im Ausmaß von mindestens 40 Stunden zu Themen nach Wahl.
Das sollte für den Anfang reichen. Liebe Fee, mach bitte, dass diese Forderungen von allen Parteien – weil absolut sinnvoll und wichtig – durchgewinkt werden. Danach kehre ich auch gerne wieder in meinen Beruf als psychologische Beraterin zurück.
Außer natürlich, es geht allen Paaren dann so gut, dass sie meine Dienste überhaupt nicht mehr benötigen. Aber keine Sorge: Ich habe genug Talente, mir fällt dann schon was Neues ein!
Träum weiter! Das ist nicht die Realität. Oder doch?
Männer sind eben nicht so, wie ihr Frauen euch das vorstellt! Und außerdem: es fehlen ihnen einfach die Vorbilder, woher sollen sie denn wissen, wie man “anders sein kann” als Mann?
Ich möchte diesen Beitrag unbedingt mit hoffnungsvollen Gedanken schließen und zitiere an dieser Stelle nochmal aus Mareike Fallwickl’s Buch. Warum ich glaube, dass es was werden kann:
” Erstens haben Menschen schon immer etwas getan, was niemand vor ihnen getan hat. Das nennt man Fortschritt und Weiterentwicklung, es braucht dazu keine vorher ausgetretenen Pfade.
Zweitens gibt es das Prinzip des Negativbeispiels: Wir können lernen, das, was andere tun, selbst nicht zu tun, weil wir erleben, dass es schädlich ist.
Drittens haben die Mädchen, die sich in Richtung Gleichberechtigung und Feminismus orientieren, auch keine Vorbislder, ganz im Gegenteil: Es gibt kaum “mächtige” Frauen als Role Models in dieser männerdominierten Welt. (…) Trotzdem gelingt es ihnen, über den Tellerrand zu schauen und aufzubegehren, neue Wege zu gehen, sich umzuorientieren, von innen heraus nach mehr Teilhabe und Gestaltungsmöglichkeiten zu verlangen.”
(Quelle: Fallwickl, Mareike „Liebe Jorinde oder Warum wir einen neuen Feminismus des Miteinander brauchen.“)
Amen.
Ich bin unglaublich gespannt auf deine Meinung zu diesem Thema. Antworte mir gerne per E-Mail oder hinterlasse einen Kommentar unter dem Beitrag! Danke für dein Mitdenken und – fühlen!






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