Augenrollend verfolgte ich Anfang April die Bilder vom Start des Space Shuttles im Artemis-II-Programm. Die Amis, dachte ich, müssen wieder so einen Zirkus rund um ihre Raumfahrt machen. Doch mein Algorithmus wusste – ausnahmsweise – besser als ich, was mir guttut. Knapp zwei Wochen später blicke ich mit völlig anderen Augen auf diese Mission. Sie hat einiges zu bieten an Learnings – für die Menschheit und für jede einzelne Person auf diesem Planeten.
Ich war noch nie ein besonderer Fan der Weltraumforschung. Daran konnte nicht einmal unser Besuch im Kennedy Space Center in Florida vor zwei Jahren etwas ändern. So interessant und imposant es auch war, das Herzstück der NASA und den Stolz so vieler Amerikaner von innen kennenzulernen (inklusive Spaceship-Erfahrung) – ein Eindruck blieb bei mir besonders hängen: Die Amerikaner müssen alles bis zum Äußersten hypen, was sie erschaffen. Das nimmt mir ehrlicherweise oft den Reiz.
So war ich auch eher angeödet, skeptisch und desinteressiert, als die Mission kürzlich abhob. Was soll da schon herauskommen? Warum fliegen sie „nur“ um den Mond herum? Trauen sie sich nicht zu landen? Muss wirklich so viel Geld – im wahrsten Sinne des Wortes – in die Luft gejagt werden? Und wie sehr werden sie sich diesmal wieder gegenseitig für ihre Großartigkeit feiern?
Überzeugt davon, dass mir das alles schon zum Hals heraushängt, bevor es überhaupt richtig begonnen hat, nahm diese Mission für mich eine unerwartete Wendung.
In our MOON era.
Es begann vermutlich damit, dass ich ein Posting sah, in dem sich die NASA praktisch als Swiftie outete. Als großer Fan von Taylor Swift – und jemand, der so ziemlich alles bemerkenswert findet, was mit ihr zu tun hat – hat mich das sofort erwischt.
Die NASA repostete nicht nur einen Tweet von Travis Kelce (Swifts Verlobtem) mit der Zeile „It’s been a long time coming“ aus dem Song Miss Americana & The Heartbreak Prince. Sie schrieb auch in ihre Instagram-Bio: „In our moon era.“ Eine klare Anspielung auf Swifts „Eras“ – insbesondere ihre Welttour The Eras Tour.
Das war eine Einladung. Ich habe sie angenommen, bin dem Account auf Instagram gefolgt, und bis heute berührt davon, welche erstaunlichen Momente ich dadurch erleben durfte.
Lektionen von der Artemis-II-Mission
MUT SCHLÄGT KOMFORT
Trotz einiger – nicht vollständig ausgeräumter – Sicherheitsbedenken (vor allem rund um den Hitzeschild der Kapsel beim Wiedereintritt, dem gefährlichsten Moment der Mission) starteten vier Menschen am 3. April 2026 Richtung Mond: Reid Wiseman, Victor Glover, Christina Koch und Jeremy Hansen.
Das größte Abenteuer ihres Lebens verlangte nicht nur außergewöhnliche Leistung, jahrelange Vorbereitung und immense Hingabe. Vor allem erforderte es unvorstellbaren Mut – von der ersten bis zur letzten Sekunde.
Mein Learning: Es gibt keine Garantie für das Gelingen großer Projekte – auch nicht für lebenslange Beziehungen oder Partnerschaften. Doch wer mutig ist, wird mit außergewöhnlichen Erfahrungen, neuen Perspektiven und tiefen Emotionen belohnt. Selbst im Scheitern liegt ein Wert. Und umso schöner ist es, wenn es gelingt.
PERSPEKTIVE ZURECHTGERÜCKT
Wenn man die Erde aus über 200.000 Meilen Entfernung betrachtet – so wie die Crew der Artemis II – eröffnet sich eine völlig neue Sichtweise. Die Reise zum Mond lässt unseren Planeten winzig erscheinen. Und gleichzeitig unpackbar bedeutungsvoll.
Den „Erdaufgang“ hinter dem gewaltigen Mond zu erleben, war ein spektakulärer Moment. Die beeindruckenden Aufnahmen aus dem All lassen zumindest erahnen, was die Crew gefühlt haben muss.
Mein Learning: Es ist immer wieder gut, die eigene Perspektive bewusst zu verändern. Abstand zu gewinnen, um klarer zu sehen, was in der Nähe verborgen bleibt. Und vielleicht auch, um sich daran zu erinnern: dass wir selbst nicht so wichtig sind, dass wir dankbar sein dürfen – und dass ein Perspektivwechsel manchmal alles verändert.
PLANET EARTH, YOU ARE A CREW.
Als erste Frau auf einer Mondmission schrieb Christina Koch Geschichte. Sie wird oft gefragt, was es bedeutet, Teil einer solchen Crew zu sein – auf engstem Raum, im All. Unter professioneller, körperlicher und mentaler Höchstleistung und enormem Druck. Dazu unter mikroskopisch genauer Beobachtung von der NASA in Houston.
Ihre Antwort: Man ist ständig zusammen, arbeitet auf ein gemeinsames Ziel hin, bringt diverse Opfer, bleibt dankbar und verlässt sich bedingungslos aufeinander. Man teilt Sorgen, Ängste und Verantwortung.
Beim Blick auf die „tiny earth“ wurde ihr klar: Wir Menschen auf diesem Planeten sind nichts anderes als die Besatzung eines Raumschiffs.
Mein Learning: Wir sollten uns viel öfter daran erinnern, dass die Erde unser gemeinsames Zuhause ist. Dass sie uns verbindet. Und dass wir gemeinsam Verantwortung tragen.
Oder, wie Christina Koch es formulierte: Wir sind „unausweichlich, verantwortungsvoll, pflichtbewusst und auf schönste Art und Weise miteinander verbunden“ – und sollten das niemals vergessen.
EIN NEUES NARRATIV FÜR MÄNNLICHKEIT
Astronauten gelten für viele als Inbegriff von Männlichkeit: Hart arbeitende, überaus kluge und mutige Männer, die das Risiko nehmen, sich ins All schießen zu lassen.
Doch diese Crew hat gezeigt, dass noch viel mehr dazugehört. Männer, die sich umarmen. Die gemeinsam weinen. Die sich emotional unterstützen – ohne Angst, sich dafür schämen zu müssen.
So viel Herz und Humor zu sehen, war ein Geschenk.
Mein Learning: Die positiven Vorbilder für Männlichkeit sind da. Sie sind sichtbar, greifbar und so authentisch, dass sie berühren. Ihre Haltung, ihre Feinfühligkeit und ihre eloquente Ausdrucksfähigkeit können viele junge Menschen inspirieren.
MENSCHLICHKEIT & LIEBE – RUND UM DEN MOND UND ZURÜCK
Die Crew fühlte sich wie eine Familie an. Enge Zusammenarbeit, ständige Abstimmung – getragen von Dankbarkeit, Freude und echter Verbundenheit.
Und dann dieser Gedanke: „Zuerst ist es das größte Abenteuer der Welt, dort hinaufzufliegen. Und wenn du dann so weit weg bist, wünschst du dir nichts sehnlicher, als wieder nach Hause zu kommen auf die Erde.“
Besonders die rund vierzig Minuten „hinter dem Mond“, in denen jegliche Kommunikation plangemäß abbrach, empfand die Crew als intensiv.
„Es ist eine erstaunliche Sache, ein Mensch zu sein. Und eine noch erstaunlichere, auf diesem Planeten zu leben.“ meinte der Kommandant Wiseman unter Tränen nach der außerordentlichsten Erfahrung seines Lebens.
Mein Learning: Selbst bei den technischsten, präzisesten Unternehmungen steht am Ende etwas zutiefst Humanes im Mittelpunkt: die zwischenmenschliche Erfahrung.
Sie zeigt uns die Essenz unseres Seins – und erfüllt mich mit Staunen und Dankbarkeit.
Der nach der griechischen Mondgöttin benannte Flug hat mich überrascht. Und berührt. Er hat mir ein positiveres, vereinteres und liebevolleres Bild von uns Menschen gezeigt als vieles andere in den letzten Monaten.
Das hat mir gutgetan. Dieser Moment war Balsam für meine Seele. Eine kollektive Erfahrung, die verbindet.
„Wir sind ein Spiegel für euch. Seht euch selbst in uns“, sagte Jeremy Hansen, der als erster Kanadier zum Mond geflogen war.
So können wir auch sein: engagiert, klug, bodenständig – und verbunden durch eine gemeinsame Sache. Überall, wo wir hingehen. Sogar bis zum Mond, rundherum und wieder zurück.
Denn:
„If we can’t take love to the stars – then what are we doing?“
Wenn du dich vom Charisma der vier Mondreisenden inspirieren lassen möchtest, empfehle ich dir die ersten 15 Minuten dieses Videos. Viel Freude damit.
Die letzen Wochen haben mir als Frau einiges abverlangt. Alle paar Tage kam eine neue Grausamkeit ans Licht, die Frauen über sich ergehen lassen mussten. Das Ausmaß und die Form an Gewalt, dass sie erlebt haben, erschüttern mich immer noch und treffen mich persönlich. Der Feind lag teilweise im eigenen Bett. So viele Fragen in meinem Kopf und der wiederkehrende Gedanke: wie machen wir, wie mache ich von diesem Punkt aus weiter. Warum Wegsehen keine Option ist und welche 5 Dinge Männer jetzt konkret tun sollen, liest du hier.
Was kürzlich geschah … in a nutshell.
Collien Ulmen-Fernandes wirft Christian Ulmen vor, über rund ein Jahrzehnt hinweg systematisch ihre Identität im Netz missbraucht zu haben. In ihrem Namen seien Fake-Profile betrieben, sexualisierte Chats mit zahlreichen Männern geführt und manipulierte intime Inhalte verbreitet worden, die wie echte Aufnahmen wirken sollten. Auch Personen aus ihrem beruflichen Umfeld seien gezielt kontaktiert worden, was eine erhebliche rufschädigende Wirkung gehabt hätte. Sie selbst bezeichnet dies als „virtuelle Vergewaltigung“ und beschreibt einen digitalen Komplex aus Kontrolle, Demütigung und Grenzüberschreitung. Es handelt sich um schwere Vorwürfe, wie immer gilt die Unschuldsvermutung. (*Ironie off*)
Zu Christopher Seiler („Seiler und Speer“) laufen nach Anzeige einer Frau Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Seiler räumte ein, ihr in einer privaten Situation Kokain auf die Lippen geschmiert zu haben während er sie mit dem Arm fixierte. Aus mir unerklärlichen Gründen behauptet er jedoch, das war keine Gewalt, es fand ja auch nicht in einer „finsteren Gasse“ statt. Sein Video zur Entschuldigung auf Social Media war eine Selbstbemitleidung unfassbaren Ausmaßes und kann kaum ernst genommen werden – immerhin kam das Schuldbewusstsein erst, als er angezeigt war.
Gegen Roland Weißmann (ehemaliger Generaldirektor des ORF) wurden Vorwürfe sexueller Belästigung durch eine Mitarbeiterin erhoben; sie spricht von unangemessenen Nachrichten und übergriffigem Verhalten im beruflichen Kontext. Weißmann bestreitet die Vorwürfe, trat jedoch im März 2026 als ORF-Chef zurück, während die Vorwürfe untersucht werden.
NOT ALL MEN? Vielleicht – aber ganz sicher viel zu viele.
Das alles toppte in den letzten Wochen nur die haarsträubenden Details aus den schon vorher bekannten und international relevanten Epstein Files. Was hier klar wird: es sind Männer mit Macht und Einfluss, die unfassbar gut vernetzt sind, und ein überaus verstörendes Frauenbild haben. Die Abscheulichkeit braucht aber keinen Promi-Status – wie abartig Männer ticken haben wir schon letztes Jahr beim Fall Pelicot gelernt.
Dominique Pelicot hat seine Ehefrau über Jahre hinweg systematisch missbraucht, indem er sie heimlich mit Medikamenten betäubte und im bewusstlosen Zustand vergewaltigte. Zusätzlich organisierte er über das Internet Treffen mit über fünfzig Männern aus deren Umgebung (!!!), die seine Frau ebenfalls vergewaltigten, während sie keinerlei Bewusstsein oder Möglichkeit zur Zustimmung hatte. Die Taten wurden von ihm gefilmt und dokumentiert, ohne dass das Opfer davon wusste. Insgesamt erstreckte sich dieser Missbrauch über fast ein Jahrzehnt und umfasste zahlreiche Übergriffe durch verschiedene Täter, was den Fall zu einem der schwersten bekannten Fälle organisierter sexualisierter Gewalt im privaten Umfeld macht.
Der Elefant im Raum
Ich möchte wegschauen. Möchte Social Media deaktivieren. Möchte mich in idyllischere Weltbilder retten. Zu grausam, zu unvorstellbar, zu verstörend jedes einzelne Detail jeder einzelnen Geschichte. Doch Wegdrehen ist für mich keine Option. Vor allem, weil es mich auch beruflich betrifft. Gewaltformen und patriarchale Strukturen begegnen mir als Paarberaterin nicht abstrakt – sie sitzen oft als Elefant mit im Raum. Ich kann ihn nicht übersehen. In den Dynamiken, die Paare mitbringen. In den unausgesprochenen Erwartungen. In dem, was als „normal“ gilt. In antiquierten Rollenbildern.
Ich erkenne das zum Beispiel an der Verteilung von Verantwortung: wenn emotionale Arbeit selbstverständlich bei der Frau liegt, während sie gleichzeitig „zu sensibel“ genannt wird. In Gesprächen, in denen Grenzen relativiert werden. In Situationen, in denen Kontrolle als Fürsorge verpackt ist. Oder wenn ein Mann auf Verletzung mit Rückzug, Wut oder Abwertung reagiert – und die Frau beginnt, sich selbst infrage zu stellen oder ihn co-reguliert, damit er sich wieder beruhigen kann.
Neutralität hat ihre Grenzen
Patriarchale Muster zeigen sich selten als offener Hass. Sie sind leiser. Subtiler. Und genau deshalb so wirksam und ein enormes Problem. Weil es immer klein beginnt. Nicht beim Femizid sondern beim Kontrollieren, Einschüchtern, Abwerten. Für mich bedeutet das: ich arbeite nicht nur mit zwei Individuen, sondern immer auch mit einem System, das ihre Beziehung geprägt hat. Neutralität hat hier Grenzen. Denn wo Machtungleichgewichte oder Grenzüberschreitungen im Spiel sind, reicht es nicht, beide Perspektiven gleich zu gewichten – es braucht eine Einordnung.
„Entweder Mann ist laut gegen Frauenhass. Oder Mann ist leise dafür. Es gibt kein Dazwischen“ hat Alexandra Zykunov dazu letzte Woche gepostet und spricht mir damit aus der Seele. Frauen allein können dieses Problem nicht lösen. Weil es auch nicht unseres ist. Wir können nur darauf hinweisen, aussprechen, was wir in diesem Zusammenhang von Männern brauchen.
5 Dinge, die du als Mann (spätestens ab JETZT) tun solltest:
• Verantwortung statt Abwehr zeigen
Ich weiß, wie schnell dieser Reflex kommt: „Aber ich doch nicht.“ Und vielleicht stimmt das sogar. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass du bereit bist hinzuschauen, ohne dich sofort rauszunehmen. Anzuerkennen, wo selbst du womöglich doch schon mal das Problem warst – weil du über einen sexistischen Witz gelacht hast, das Sportoutfit einer jungen Frau zu aufreizend fandest oder „die hat das provoziert“ gedacht hast. Und selbst wenn dir diese Dinge fremd sind: du bist Teil der Welt, in der es passiert. Du lebst mit Frauen (deine Partnerin, vielleicht Tochter, Mutter, Schwester,…), die das betrifft. Sie zählen auf deine Solidarität.
• Grenzen verstehen und respektieren
Nur ein JA ist ein JA – besonders was Körperkontakt zwischen Menschen angeht. Alles andere ist kein Spielraum, kein „Vielleicht“, kein „Ich dachte“. Wenn du unsicher bist, dann ist es kein Ja. Punkt. Deine Hand hat nichts auf dem Busen oder Po einer Frau zu suchen, wenn sie nicht zugestimmt hat. Überdenke dein Verhalten. Verantwortung heißt hier auch: Zweifel ernst nehmen – nicht zu deinen Gunsten auslegen und schlicht und einfach nachfragen und dich versichern. So einfach ist das.
• Eingreifen und laut sein
Ich weiß, wie unangenehm das ist. Wenn im Freundeskreis Sprüche fallen oder Grenzen überschritten werden. Aber genau da zeigt sich, wer du bist. Nicht in großen Worten, sondern in diesen Momenten. Sag „Stopp! Das ist sexistisch / frauenfeindlich / respektlos. Sowas hat hier keinen Platz.“ Schweigen schützt nicht dich – es schützt das Verhalten. Und jedes Mal, wenn du es still hinnimmst, dass ein anderer solche Sprüche klopft, bist du Teil des Problems.
• Kritische Selbstreflexion trainieren
Schau ehrlich hin: Wo hast du bis hier von strukturellen Schieflagen profitiert? Musstest du dich nachts vor Frauen fürchten? Musstest du je ein Outfit wegen zu viel Haut überdenken? Wie schauen deine eigenen Muster in Bezug auf Eifersucht, Kontrollverhalten oder Anspruchshaltungen aus? Hast du dich womöglich auch schon mal unpassend verhalten und so ein System mitgetragen, das Frauen systematisch herabwürdigt, benachteiligt oder gefährdet? Dieser Blick wird vermutlich weh tun, doch er ist wichtig. Falls du unsicher bist, frag eine Feministin deines Vertrauens und bitte sie, deine Gedanken mit dir einzuordnen.
• Emotionale Kompetenzerwerben
Zurückweisung tut weh. Frust auch. Unsicherheit sowieso. Aber was du daraus machst, liegt bei dir. Du bist erwachsen und verantwortlich dafür, wie du mit deinen unangenehmen Gefühlen umgehst. Du kannst lernen, das auszuhalten, ohne jemanden dafür bezahlen zu lassen. Gefühle bewältigen: Ohne Druck. Ohne Abwertung. Ohne Angst bei deinem Gegenüber zu erzeugen. Das dient dir übrigens nicht nur in Partnerschaften, sondern in jedem anderen Lebensbereich ebenso.
Der Kernpunkt:
Gewalt beginnt nicht erst dort, wo sie sichtbar wird. Sie wächst in Räumen, in denen geschwiegen, relativiert und weggesehen wird. Und genau deshalb beginnt Veränderung bei dir nicht erst im Extrem – sondern im Alltag. In dem Moment, in dem du nicht mehr still bleibst.
Und dann braucht es auch noch gesellschaftliche Initiative. Zum Beispiel:
Konsequente Strafverfolgung und Opferschutz: Anzeigen müssen ernst genommen, Verfahren zügig geführt und Betroffene geschützt werden – ohne sekundäre Viktimisierung.
Frühe Bildung: Themen wie Einvernehmlichkeit, Grenzen, Respekt und emotionale Kompetenz gehören fest in der Erziehung von Kindern verankert.
Kulturwandel: Sexistische Witze, Abwertung und Verharmlosung von Übergriffen dürfen nicht mehr als „normal“ durchgehen.
Strukturen stärken: Frauenhäuser, Beratungsstellen und Präventionsprogramme brauchen ausreichend Finanzierung und Sichtbarkeit.
Digitale Räume regulieren: Plattformen müssen konsequenter gegen Belästigung und nicht-einvernehmliche Inhalte vorgehen.
Gewalt gegen Frauen wird nicht nur durch Täter ermöglicht, sondern auch durch Umfelder, die wegsehen, relativieren oder schweigen. Das geht Männer UND Frauen an! Veränderung beginnt dort, wo dieses Schweigen endet.
So will ich meine Möglichkeiten dafür nützen, mehr „Licht in die Dunkelfelder“ zu bringen, wie Collien Fernandez gesagt hat. Als Frau, Tochter, Schwester, Mutter und Paarberaterin will ich aufstehen und aufzeigen, was Männer jetzt tun können, wenn sie sich angegriffen fühlen, weil sie ja „not all men“ sind und das ab sofort beweisen wollen.
Warum Neujahrsvorsätze deiner Beziehung oft nicht helfen – und was stattdessen wirklich zählt
Neujahrsvorsätze klingen nach Aufbruch – und landen oft im Frust. In diesem Blog erfährst du, warum echte Veränderung in Beziehungen anders beginnt: mit ehrlichem Bewusstsein, kleinen Ritualen und echter Verbundenheit. Für ein Jahr, das wirklich zählt.
Es ist Ende Jänner und die ersten gut gemeinten Neujahrsvorsätze sterben bereits vor sich hin. Nicht bei mir, denn ich hatte heuer keine. Obwohl ich einige Jahre tolle, belebende und erfüllende Vorsätze feierte – dieses Jahr fühle ich es nicht. Was nicht bedeutet, dass ich keine Ziele hab. Natürlich ist der Jahreswechsel eine wunderbare Gelegenheit, mit neuen Gewohnheiten, Gedanken und Grundhaltungen durchzustarten. Doch jeder andere Tag ist dazu mindestens genau so geeignet.
Warum Neujahrsvorsätze so häufig scheitern
Das Problem ist: die meisten Vorsätze basieren auf Mangel und Schuld. Wenn wir uns Dinge vornehmen, dann weil wir die Idee haben, da sollte etwas anders sein – oft sehr am Außen orientiert. Das hat manchmal recht wenig mit unseren echten Bedürfnissen zu tun. Ein Beispiel: ich nehme mir als Paar vor, einmal im Monat ein spektakuläres Date zu veranstalten, weil das auf Instagram udn Co immer so romantisch aussieht. Eigentlich bin ich aber der Typ „kuschelt sich lieber zuhause ein“ oder eine nette Waldrunde mit dir gibt mir mehr – dann wird‘s schwierig. Wir sollten uns eher an unseren ehrlichen Bedürfnissen orientieren, statt aus Schuldgefühlen oder Optimeirungsdrang heraus zu handeln.
Was noch problematisch ist: das limbische System liebt Gewohnheiten. Es soll am besten alles so bleiben, wie es immer war – das kostet die wenigste Energie. Jede kleine Veränderung kann also inneren Widerstand erzeugen. Dagegen aufstehen kostet uns oft so viel Energie und Nerven, dass wir‘s bald bleiben lassen.
Besonders im Hinblick auf Beziehungen sei noch gesagt: ein Vorsatz allein (und von einer Person) ändert nicht das gesamte System. Du kannst deinen Teil zum Gelingen beitragen, bist aber nicht allein dafür verantwortlich, dass es gut wird. Zu einer Partnerschaft gehören nämlich mindestens zwei. Eine bewusste Entscheidung, wieder mehr für das eigene Glück, die Zufriedenheit und die Harmonie zu tun, ist trotzdem ein guter Anfang.
Ob mir das gelingt? Ganz ehrlich – auch nicht immer. Auch hier sind verschiedenste schöne Pläne schon in Schubladen versumpert, attraktive Vorhaben nie umgesetzt worden und gemeinsam angestrebte Ziele nicht erreicht. Doch auf welchen drei Säulen meiner Erfahrung nach echte Veränderung in Beziehungen passieren kann, möchte ich hier festhalten
Die 3 Säulen für echte Veränderung in Beziehungen
1. Bewusstsein
Die Voraussetzung, etwas anders machen zu wollen, ist die Erkenntnis, dass etwas für mich nicht mehr stimmig ist oder ich mir etwas anderes wünsche. Was wir seit Jahren rund um Neujahr zelebrieren (oft direkt nach dem Neujahrswalzer um Mitternacht) ist, uns zu fragen: „Was möchten wir in diesem Jahr miteinander erleben? Worauf freuen wir uns?“ Das lenkt die Gedanken gleich in eine positive Richtung und schafft eine verbindende Energie. Wir reden über gesundheitliche, berufliche, sportliche Ziele – viele Paare reden aber selten über Beziehungsziele. Dabei könnten wir damit so schön die Segel setzen.
2. Mikro-Routinen
Ich bewundere manche Paare wirklich für ihre Kreativität beim Daten. Jeden Monat ein anderer kreativer Einfall, teils mit viel Aufwand verbundene Aktivitäten oder romantisch verbrachte Paarzeit. Wenn es nicht nur für die Show auf sozialen Medien gemacht wird, kann ein besonderes Date eine unglaublich verbindende, positive und beglückende Sache sein.
Wenn du merkst: dafür ist in unserer Lebensphase aber kaum Zeit und Raum, uns fehlen die Ressourcen und wir möchten dennoch in uns inviestieren, dann helfen dir vielleicht folgende kleinen Routinen udn Rituale:
Tägliche 5-Minuten-Frage: „Was hat dich heute berührt?“
Sonntagabend-Check-in: „Was war diese Woche gut zwischen uns?
20 Sekunden Umarmung (in der Früh / am Abend)
Ein 6-Sekunden Kuss (reicht, um Oxytoxin Ausschüttung anzukurbeln – das Liebeshormon)
Eine ehrliche Wertschätzung geben, etwas Konkretes, das ich heute beobachtet hab
Initiative: „Was kann ich dir heute abnehmen, um dich zu entlasten?“
eine Mini-Aufmerksamkeit verschenken (Post-it Zettel mit Botschaft, deine Lieblingsschokolade oder die Sportzeitschrift, die du gern hast)
3. Verbundenheit
Es tut mir beinah weh, das zu schreiben, aber: Disney und Hollywood tun uns keinen Gefallen mit den Liebesgeschichten, die sie erzählen. Wir haben sehr verklärte und – noch schlimmer – unausgesprochene Visionen und Träume davon, wie Beziehungen und Liebe aussehen sollten. Wenig davon hält der Realität stand.
Liebe ist nicht nur ein Gefühl. Viel mehr ist es ein TUN-Wort. Beziehungsglück fällt nicht im günstigen Schicksalsmoment auf uns herab – viel mehr ist es ein tägliches Ja zueinander, ein Annehmen, ein Mild-sein miteinander. Dauerhafte Verbundenheit und Zufriedenheit ist kein Zufall, sondern die Entscheidung immer wieder und immer weiter aneinander, miteinander und füreinander zu wachsen. Oft so weit außerhalb unserer Komfortzonen, dass es richtig unbequem wird.
Beziehungsarbeit als Jahresreise – nicht als Sprint
Traditionell ist der Jänner – nach Weihnachten und Jahreswechsel – beraterische Hochsaison. Viele Paare, wo es schon nicht mehr so gut läuft, retten sich irgendwie über die Feiertage und fassen dann mit dem Glockenschlag der Pummerin den Entschluss: so kann‘s nicht weiter gehen.
Als psychologische Beraterin möchte ich sagen: Beziehung ist wie ein Garten. Er braucht das ganze Jahr über Pflege, es gibt winterliche Phasen wo alles brach liegt und unter einer dicken Eisdecke verschollen scheint bevor es wieder zum Aufblühen kommt. Jahreszeiten in Beziehungen sind völlig natürlich – niemand erlebt dauerhaften Liebes-Hochsommer. (Das würden wir auch gar nicht aushalten.)
Doch von schönen Plänen, guten Vorsätzen und tollen Ideen entsteht noch kein Garten. Es braucht das Pflanzen von Samen, unser Gießen und Vertrauen, dass es Zeit braucht, bis wir die Früchte ernten können. Wir dürfen die Hände in den Dreck stecken und uns anstrengen, dann freuen wir uns auch deutlich mehr über das, was wächst und wir irgendwann ernten dürfen.
Und manchmach darf auch etwas sterben. Nicht jede Entwicklung ist mit jedem Menschen möglich. Manchmal wurde zu lang auf das Pflegen vergessen – da kommt jede gute Gießkanne zu spät. Das ist natürlich meist traurig und ernüchternd, schmerzt und erschüttert oft das gesamte Umfeld – doch besser etwas Fauliges in den Kompost geben und zu etwas Gutem verwandeln lassen, als alles umliegende auch noch damit zu zerstören.
Vom Wissen ins Tun kommen.
So will ich dir an dieser Stelle Mut machen. Du brauchst keinen perfekten Plan. Nur den ersten Schritt. Auch ein verwilderter Beziehungs-Garten kann zu neuem Leben erwachen und schön werden, wenn man mal weiß:
WIE wollen wir das denn haben – unsere Partnerschaft?
WAS finden wir schön miteinander und aneinander?
WAS bin ich bereit, dieses Jahr zum Gelingen dieser Verbindung beizutragen?
Und dann geh, und setzte um. Die großen Vorhaben – und besonders die klitzekleine, die jeden Tag Platz haben. Weil sie nix kosten und kaum Zeit verlangen. Vielleicht bemerkst du die Veränderung nicht gleich beim ersten Mal. Doch verlasse dich drauf: wie in einem Garten wird sich Wachstum und Entwicklung zeigen. Es wird sich verändern – weil du etwas anders machst. Und wenn dein Gegenüber auch motiviert ist, habt ihr doppelte Schubkraft.
Dann steht einem geglückten Jahr in beziehungstechnischer Hinsicht praktisch nix mehr im Wege. Schon gar nicht die nicht gefassten Neujahrsvorsätze.
Wenn du dir schon länger vornimmst, deiner Beziehung mit professioneller Begleitung neue Ausrichtung und Aufrichtung zu gönnen, dann hol dir jetzt deinen kostenlosen und unverbindlichen ERSTGESPRÄCHstermin.
Allein ist es oft sehr viel mühsamer, die angestrebten Veränderungen in die Umsetzung zu bringen, Missverständnisse und alte Konflitke säumen den Weg und ihr wünscht euch dringend neuen Input?
Lass uns darüber plaudern, wie eine individuelle Begleitung eurer Paarbeziehung aussehen kann, was das kostet, was ihr erreichen wollt und was ich dazu beitragen kann. Du hast nix zu verlieren – außer …
Mein Kopf explodiert beinahe, wenn ich mir am Ende dieses Jahres zu Gemüte führe, was alles in diese letzten zwölf Monate gepasst hat. Ich könnte einen Roman darüber schreiben, was sich businessmäßig getan hat – vieles davon hinter den Kulissen –, was ich in meiner Arbeit mit Klient:innen gelernt habe und was sich persönlich bei mir getan hat, lässt sich ohnehin kaum in Worte fassen.
2025 kam im Gewand eines unaufgeregten Jahres daher. Und hatte es dann doch ganz schön in sich.
Heute teile ich mit dir zwölf Lektionen aus diesem Jahr. Und wie sollte es anders sein: Es geht um Beziehungen. Um Nähe, Verantwortung, Grenzen, Loslassen und darum, wie viel Arbeit und Schönheit darin liegen.
JÄNNER-Lektion: „Lerne, Räume voller Möglichkeiten besser zu nutzen.“ Bei meinem Impulsvortrag leistete ich mir einen erstaunlichen Fehler. Das Haus war voll mit „Frau in der Wirtschaft“, ich war begeistert bei der Sache und schwärmte für Beziehungen in jedem erdenklichen Kontext. Und am Ende? Vergebe ich meine Chance zu pitchen. Keine Einladung, kein Hinweis auf meine Dienstleistung. Einfach ausgelassen.
Eine verpasste Gelegenheit, über die ich mich später noch grün und blau geärgert habe. Auch das ist Lernen.
FEBRUAR-Lektion: „Arbeite mit den Eltern, bevor du die Kinder angreifst.“ Wenn Erwachsene in der Beratung aufschlagen, die gern ihr Kind „repariert haben möchten“ (genau so sagen sie das nicht, aber in der Hoffnung), bin ich seit jeher skeptisch. Heuer hab ich mich wieder einmal darauf eingelassen und zu früh zugestimmt, dass das Kind mitkommt in die Beratung. Mir wurde bewusst, dass das Kind alles richtig macht und die Eltern das eigentliche Problem sind. Ich hab gerettet, was zu retten war, und das junge Mädel bestärkt, was das Zeug hält. Die Eltern hab ich dabei wohl verloren – sie kamen danach nicht wieder.
MÄRZ-Lektion: „Kümmere dich um dich selbst, sonst macht es niemand.“ Mein Terminkalender explodierte im März regelrecht, weil ich verabsäumt hatte, die automatisierten Buchungen einzuteilen. Freie Blöcke waren dann Mangelware und manchmal ging es nach einem vollen Beratungstag abends noch für drei Stunden Workshops in die Elternbildung. Ich hab sehr viel Energie, aber das war dann doch selbst mir zu steil. Da ging auch meine Routine verloren, jeden Tag eine Runde im Wald zu drehen. Lektion gelernt.
APRIL-Lektion: „Eine einzige Person kann eine ganze Gruppe vergiften.“ Innerhalb von zwei Monaten halte ich zehn Partnerkurse für Brautpaare. Ein Seminar, das mir grundsätzlich unfassbar viel Freude bereitet. In einer Gruppe saß Anfang April ein Mann, der mir gründlich in die Suppe spuckte. Es ist nicht zu glauben, wie passiv-aggressiv man sich mit Körpersprache, Mimik und einsilbigen Wortmeldungen zum Gift einer Gruppe machen kann. Erst am Nachmittag zog ich eine deutliche Grenze und wies den guten Mann in verbale Schranken. Dieser Tag kostete mich so viel Kraft wie alle anderen Kurse zusammen. Ich schüttle immer noch den Kopf über so dummes und kindliches Verhalten und erkenne leider an: Eine Person reicht, um das soziale Klima einer ganzen Gruppe zu vergiften.
MAI-Lektion: „Beziehungsarbeit ist ein Knochenjob. Auch nach 20 Jahren.“ Ein Konflikt in der Paarbeziehung bricht im öffentlichen Raum vom Zaun, und vor den Augen vieler anderer geraten wir in ein Wortgefecht, das mich an den Rand der Verzweiflung treibt. Die Aufarbeitung dieser emotionalen Achterbahnfahrt hat mich enorme Kraft gekostet. Ich hab noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass wir als Paar genauso unsere Kämpfe auszutragen haben wie andere. Was wir aber klugerweise schon können: uns in solchen Krisen professionelle Hilfe holen. Geht’s dann locker-lässig? Nein, es bleibt teilweise echt harte Arbeit. Aber es ist eine große Entlastung, eine neutrale, emotional unbeteiligte Person dabei zu haben, die hilft, durch den Nebel zu manövrieren.
JUNI-Lektion: „Gib ihnen Wurzeln. Und dann gib ihnen Flügel.“ Unsere Mittlere meistert mit Bravour ihre Matura, und ich stehe als Mama mit Tränen und voller Stolz daneben und beobachte, wie sie ihr Leben jeden Tag mehr selbst in die Hand nimmt. Ich gebe das zweite Lebensbüchlein aus der Hand, das ich für jedes meiner Kinder geschrieben hab, und damit ihr ihre Lebensgeschichte. Ein bewegender Moment. Ich liebe alles daran, große Kinder zu haben. Was aber immer noch ist – wie mit kleinen Kindern –: die Gleichzeitigkeit so vieler unterschiedlicher Gefühle. Sie machen mich lebendig.
JULI „Geteilte Freude ist doppelte Freude. Oder noch mehr.“ Beruflich starre ich in ein beschissen großes Sommerloch. Dafür hab ich Zeit, mich mit Haut und Haaren in die Arbeit um das Geburtstagsvideo meiner jüngsten Schwester zu werfen. Wie mag ich ihre Geschichte erzählen, wie verpacke ich Botschaften und kleine geheime Infos in Musik und Bildern – wie kann ich vermitteln, was für eine großartige Persönlichkeit sie ist? Zwei Tage komme ich aus dem Pyjama nicht mal raus, weil ich so im Workflow bin und einfach die allergrößte Freude hab, jemandem so eine Überraschung zu bereiten. (Und ja, sie hat alle Easter Eggs entdeckt und gefeiert und wertgeschätzt. Hurra!)
AUGUST „Die Liebe ist immer für Überraschungen gut.“ Völlig überarbeitet, aber ohne wirklich gut abgeschaltet zu haben, ging es im August gen Süden. Zum ersten Mal ein Sommerurlaub nur zu zweit, ohne Kinder. Nach zwanzig Jahren Ehe haben wir uns selbst überrascht, wie sehr wir diesen Urlaub für uns genießen konnten. Wir haben uns so richtig wiedergefunden und unsere starke Verbindung zueinander zu neuem Leben erweckt. Der Alltag ist ein verrücktes Spiel und gefährlich kräftezehrend. Wir haben uns in Portugal geschworen: Dieses neue Level an Qualität in der Beziehung geben wir nicht mehr her.
SEPTEMBER „Schönheit, Wert und Zerbrechlichkeit – Porzellan soll gefeiert werden.“ Selten hab ich ein Ehejubiläum so gefühlt wie die Porzellanhochzeit. Mitten im Trubel der Feierlichkeiten haben wir unserer Toni tatsächlich Flügel verliehen und sie in ihr Au-pair-Abenteuer verabschiedet. Ich hab noch immer kein Wort für das Gefühl an dem Bahnsteig. Es war irgendwas zwischen Begeisterung, Stolz und Ohnmacht. Ich hab’s schon länger geahnt, und nach und nach erlebe ich es: Die eigenen Kinder tatsächlich loszulassen ist wohl die größte und herausforderndste elterliche Übung.
OKTOBER „Integrität ist mehr wert und wichtiger als das offene Honorar.“ Mitten in einer Paarberatung hab ich scharfe Kritik an einem zukünftigen Plan eines Paares geübt – mit dem Risiko, sowohl den Prozess mit ihnen als auch mein Honorar zu verlieren (das war nämlich noch nicht bezahlt). Es ging um einen weiteren Kinderwunsch, den eine Person hatte, die andere deutlich nicht. Ein Mädchen soll die Leiden und Verletzungen (die beim jüngsten Sohn entstanden waren) „ausbügeln“, weil das so ein schweres Los war. „Bei allem Respekt – bei dieser Entscheidung geht es verdammt noch mal nicht um euch zwei. Sondern um ein ungeborenes Kind. Niemand sollte mit einer derartigen Verantwortung auf die Welt kommen müssen. Schon gar nicht, wenn dann auch noch eure Beziehung auf dem Spiel steht.“ Das waren meine Worte. Kinder sind kein beliebiges Spielzeug, kein Beziehungskitt und kein Trostpflaster. Das musste an dieser Stelle gesagt werden – für meinen Seelenfrieden.
NOVEMBER „Familie wirkt. Ob wir das nun gut finden oder nicht.“ In meinen ersten zwölf Wingwave-Sessions kam erstaunlich klar zum Vorschein, was ohnehin landläufig bekannt ist. Die Prägungen und Erfahrungen in unseren Herkunftsfamilien picken so fest, dass uns oft weniger lieb wäre. Emotionale Verstrickungen, fehlgeleitete Dynamik und manipulatives Verhalten erschweren oft bis ins hohe Erwachsenenalter die Beziehung zu unseren Eltern und Geschwistern. Wie gut, dass es verschiedene Wege und Methoden gibt, darauf zu antworten, denn NEIN: Du bist deiner Geschichte nicht hilflos ausgeliefert. Und JA: Es wirkt auf dich, egal ob dir das bewusst ist oder nicht.
DEZEMBER „Hilflosigkeit ist was Hässliches, und die Klappe halten ist schwierig.“ Gerade wenn es im engeren Umfeld Beziehungsbrösel gibt, ist das schwer auszuhalten. Besonders mit meiner Profession. Anerkennen, dass man hier nicht helfen kann, lässt sich kaum ertragen. Zuschauen, wie Dinge zunehmend schwierig werden, noch mehr. Ich lerne gerade, mich auf meine Rolle in meinen Systemen zu konzentrieren und nicht mehr zu wollen als andere Beteiligte. So viel kann ich schon sagen: Ich reiße lieber alles nieder und verausgabe mich bis zum Umfallen, als in krisenhaften Situationen auf der Zuschauerbank zu sitzen. Das erklärt wohl, warum ich diesen Beruf ausübe.
Im Vergleich zu anderen Jahren war 2025 verdächtig ruhig. Bei genauerer Betrachtung hatten es diese 365 Tage ganz schön in sich. Ich bin wieder ein Jahr älter und merke zunehmend: Ich hab keinen Bock und keine Nerven mehr für halbe Sachen. Oberflächlichkeiten und belanglose Verbindungen kommen auf den Prüfstand. Ich will dem Leben in die Augen sehen. Meine Zeit auf die Menschen und Tätigkeiten verwenden, die wertvoll, sinnstiftend und inspirierend sind. Und meine Energie dahin stecken, wo ich sie gut investiert sehe: in meine wichtigsten Beziehungen, meine Arbeit und meine körperliche, emotionale und geistige Gesundheit.
2026. I am ready for you. Bring it on.
Was hast du 2025 gelernt? Schreib mir gern, welche Beziehungserkenntnis dich weiter gebracht hat! Ich freu mich über dein Kommentar.
Mental Load ist kein Modewort – es ist eine leise, aber mächtige Kraft, die Beziehungen formt. Oft unbemerkt, oft ungewollt, aber mit deutlichen Folgen für Nähe, Verbundenheit und Gleichberechtigung. Während Frauen häufig spüren, dass sie „an alles denken“, bleibt die Perspektive der Männer erstaunlich unsichtbar. Dabei betrifft Mental Load auch sie – nur auf einer anderen Ebene und mit Konsequenzen, die sich tief in die Beziehung einweben.
In diesem Beitrag zeige ich, was die ungleiche Verteilung von Denk- und Organisationsarbeit mit beiden macht – und wie Männer nicht nur Teil der Lösung werden, sondern selbst enorm profitieren können.
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Noch nie hat ein Post von mir so viel Aufmerksamkeit bekommen und war so in aller Munde wie mein Beitrag rund um den letzten Blog über Mental Load und die Bullshit Sätze, die man so oft in der Gesellschaft noch hört.
Mental Load ist ein Problem, das sich unter der Oberfläche ausbreitet, sich in ewig wiederkehrenden Kreisläufen festigt und Paare (vor allem diejenigen, die den Mental Load überwiegend tragen) an den Rand des Wahnsinns treibt. Er wirkt in Beziehungen – ob man sich nun der Tatsache bewusst ist, oder nicht. Wie, warum und wie ihr aus dem Kreislauf ausbrechen könnt, liest du heute hier.
Vor etwa zehn Jahren kam ich das erste Mal in Kontakt mit dem Thema „Mental Load“. Mein Mann und ich hatten ein Wochenende zu zweit in der Toskana geplant. Unsere drei Kinder verweilten dankenswerterweise bei den Großeltern, während wir zwischen Olivenbäumen und guten Weinen unsere Auszeit genossen. Damit so ein Wochenende auch reibungslos abläuft, braucht es Informationen. Die Mädchen hatten gerade Zahnspangen bekommen, eins der Kinder war zu einem Geburtstag eingeladen und die Katze zuhause sollte auch nicht verhungern. Ich schrieb 6 A4 Seiten auf, wo die wichtigsten Dinge für diese Tage notiert standen. Da wurde mir bewusst: WOW, das alles ist in meinem Kopf, an das alles denke ich, um den Laden hier am Laufen zu halten.
Dabei war da kein Fünkchen Haushalt zu berücksichtigen, der fällt ja im Urlaub flach.
Mein Mann musste niemandem irgendetwas mitteilen. Eine Abwesenheitsnotiz im Email Programm und das war’s. Obwohl wir uns eigentlich als gleichberechtigtes Paar verstehen, blickte ich auf eine ziemlich absurde Schieflage. Dabei sind wir leider keine Ausnahme. Selbst in Beziehungen, die wohlwollend, unterstützend und partnerschaftlich laufen, gibt es oft so ein Gefälle.
Laut Expertinnen wie Patricia Cammarata und Laura Fröhlich entsteht Mental Load nicht durch Chaos oder mangelhafte Kommunikation sondern durch unfaire Verantwortungsarchitektur.
Wie es so weit kam?
Ich bin zuhause, als wir Kinder bekommen. Diese Entscheidung ist bewusst getroffen, aus voller Überzeugung und einvernehmlich. Dadurch ergibt sich, dass ich immer mehr den Überblick über beinahe alles habe, was sich zuhause abspielt. Wann das Waschmittel leer wird, die Biotonne abgeholt wird und die Kinder aus der aktuellen Kleidergröße herausgewachsen sind. Also werde ich zuständig, weil ich ja alles sehe. Ich kenne jede Ecke der Speisekammer, bin diejenige, die den Kühlschrank beizeiten reinigt und überwacht, kenne mich im Haushalt bestens aus. Scherzhaft kommen die Familienmitglieder oft heute noch zu mir und bitten mich, etwas zu finden, weil sie es nicht sehen – und ich mich ja vieeeeel besser auskenne. Also denke ich noch mehr. Merke mir noch genauer, wo etwas ist, wann etwas erledigt gehört und was bedacht werden soll. Im Sinn meiner eigenen Effizienz, weil es sonst scheinbar niemand macht. So bleibt eines Tages (fast) alles bei mir hängen. Und vier weitere Menschen verlassen sich drauf. Das ist kein Einzelfall, sondern ein System.
Natürlich sind sehr kleine Kinder von großer Verantwortung ausgenommen. Ich empfehle allerdings stets, schon früh altersgemäße Zuständigkeiten zu verteilen (auch hier hilft SICHTBAR MACHEN!!) und somit von Anfang an auf faire Einbindung zu setzen. Denn Mental Load verteilt sich nicht automatisch gerecht. Der Person, die die überbordende Last trägt, bleibt nichts anders übrig, als sich bemerkbar zu machen, hinzuweisen und klar hinzuweisen, wenn etwas umverteilt gehört. Ja, dabei bin ich meinen Mitbewohnerinnen oft lästig. Nein, das ist keine Rolle, die ich genieße. Und gleichzeitig der einzige Weg, wie ich halbwegs sicher langfristig zufrieden sein kann.
Denkverantwortung ist Beziehungsarbeit.
Es geht in vielen Beziehungen schon lang nicht mehr darum, wer wie viel macht. Denn ehrlich: die meisten Paare, die ich begleite, sind weder faul noch langweilig. Sie geben ihr Möglichstes und arbeiten hart dafür, sich ein gutes Leben zu schaffen. Nicht in jedem Bereich 50:50, aber viele davon ehrlich bemüht, eine faire Aufteilung zu finden. Das „dran Denken“ jedoch ist meiner Einschätzung nach aber noch lang nicht partnerschaftlich geschultert. Statt zu fragen „Wer macht wie viel?“ Braucht es die Frage „Wer denkt für was UND kümmert sich drum?“-
DREI WARNSIGNALE
Wenn du dir nicht ganz sicher bist, ob das bei dir / euch der Fall ist, kannst du hier kurz einchecken und dir folgende Fragen stellen:
(Aus Sicht der mental verantwortlichen Person)
Du erinnerst automatisch an alles – ohne es zu merken.
Wenn du nicht an etwas denkst, passiert es nicht.
Du bist erschöpft, aber niemand sieht warum.
(Aus Sicht der anderen Person)
„Sag mir einfach, was ich tun soll.“
Du willst helfen, aber wirst nie richtig ’fertig‘.
Du fühlst dich schnell kritisiert.
EXIT Strategie
Wenn ihr ehrlich interessiert seid, aus dem Hamsterrad auszusteigen, könnt ihr mit dem Mental Load & Equal Care Test beginnen. Der nächste Schritt ist das Definieren von Arbeitspaketen.
Welche Aufgaben gehören zusammen und bilden ganze Prozesse? Sinnvoller Weise werden dann ganze Pakete aufgeteilt, sonst landet man am Ende im schlimmsten aller Szenarien: dass BEIDE dauernd an alles denken müssen.
Ein Beispiel gefällig? Nicht nur: „Ich mache die Wäsche.“ Sondern:
Vorräte Waschmittel checken
Waschmittel nachkaufen
Wäsche einsammeln
Waschen / Trocknen / Zusammenlegen
Klamotten ausmisten
Jahreszeitwechsel beachten
Kaputtes ersetzen
Kinder einbinden
Das ist ein Aufgabencluster – und sollte einer Person gehören, nicht „beiden halb“.
Was Paare in meiner Beratungspraxis schon partnerschaftlich teilen – BEISPIELE:
Geburtstag des Kindes (kann man auch jährlich wechseln)
Überlegung, Organisation / Bereitstellung von Osternest, Nikolaussackerl oder Adventkalender
Arzttermine
Freizeitaktivitäten der Kinder: Bring- und Abholdienst, Sachen packen, erinnern, WhatsApp Gruppen betreuen,…
Geschenke für die eigene Familie (bedenken und zeitgerecht organisieren)
Diese Regeln erleichtern Paare dabei IMMER:
Verantwortlichkeiten klar definieren
Cluster statt Kleinteile
Regelmäßige Load-Check-ins
Keine Mikromanagement-Situationen
Vertrauen statt Kontrolle
Fehler erlauben (auch das gehört zu echter Verantwortung)
3 Gründe, warum man sich auf dieses MIENENFELD wagen soll.
Ich hasse es immer noch, wenn ich zuhause die Ungute sein muss, die auf diesen leidlichen Themen herumtrampelt und nicht müde wird, aufzuzeigen. Warum?
Wenn eine Person dauerhaft den kompletten Denk- und Organisationsapparat übernimmt, verändert das die Beziehung leise – aber tiefgreifend. Mental Load ist nicht einfach „viel zu tun haben“, sondern eine strukturelle Verschiebung von Verantwortung. Und diese Verschiebung hat Folgen.
Erstens entsteht eine Ungleichheit, die sich für beide Seiten ungut anfühlt. Die Person, die denkt und koordiniert, rutscht automatisch in eine Art Managerrolle, während die andere Seite – oft ungewollt – in der „Mitarbeiterposition“ landet. Das führt zu einem Ungleichgewicht, das auf Dauer weder partnerschaftlich noch verbindend wirkt.
Zweitens wächst emotionale Distanz. Die denkende Person fühlt sich allein gelassen – nicht, weil der andere nichts tut, sondern weil sie alles im Blick behalten muss. Gleichzeitig fühlt sich der Partner häufig unter Druck gesetzt oder kritisiert. Zwei Menschen, die sich eigentlich nah sein wollen, entfernen sich innerlich, ohne zu verstehen, warum.
Drittens kommt es zu wiederkehrenden Konflikten, die auf den ersten Blick wie „Kleinigkeiten“ wirken: Wer kauft ein? Wo sind die Turnsackerl? Warum ist die Jause schon wieder vergessen? Doch eigentlich geht es nicht um diese Details, sondern um Zuständigkeit. Um Verantwortung. Um das Gefühl, das Rad ständig alleine drehen zu müssen.
Und schließlich geht ein Stück der Partnerschaftlichkeit verloren. Eine Beziehung lebt von Teamgefühl – davon, dass zwei Menschen Verantwortung teilen und gemeinsam gestalten, auch das ist gelebte Liebe. Wenn Mental Load jedoch ungleich verteilt ist, fühlt sich die Partnerschaft weniger wie ein Team und mehr wie ein organisatorisches Gefälle an. All diese Dynamiken sind wissenschaftlich gut beschrieben. So zeigt Daminger (2019) im American Sociological Review, dass die mentale Dimension der Haus- und Familienarbeit strukturelle Ungleichheit erzeugt und oft zu emotionaler Belastung führt. Es ist also kein individuelles Scheitern – sondern ein System, das sichtbar gemacht werden muss.
Warum Männer KEIN gutes Leben haben, wenn sie „bedient“ werden
Auf den ersten Blick scheint es für Männer bequem: Jemand denkt mit, organisiert, erinnert und hält den Familienalltag am Laufen. Doch diese vermeintliche „Entlastung“ hat einen Preis, den viele Männer erst spüren, wenn sie genauer hinsehen.
Denn wenn man im Alltag darauf angewiesen ist, erinnert zu werden, verliert man ein Stück Selbstwirksamkeit. Man wird, ohne es zu wollen, zum passiven Teil des Systems. Und passiv sein fühlt sich selten gut an – es reduziert das Vertrauen in die eigene Kompetenz und verstärkt das Gefühl, „nicht richtig mitzukommen“.
Zudem führt die ungleiche Verteilung von Denk- und Organisationsarbeit zu emotionaler Entfernung. Wenn eine Person in der „Mutterrolle“ landet, rutscht der Partner unbewusst in eine kindlichere Rolle – und das ist Gift für Nähe und Intimität. Ja, damit ist auch Sexualität gemeint. Begehren entsteht nicht aus Abhängigkeit, sondern auf Augenhöhe. Mit der eigenen Mutter willst du keine erotische Beziehung, so wie sie nicht mit ihrem Kind. Basta.
Viele Männer beschreiben zudem, dass sie sich weniger als Partner und mehr als Mitläufer fühlen, wenn die Verantwortung nicht geteilt wird. Dieses Gefühl nagt an Selbstwert und Partnerschaft auf beiden Seiten. Und die Forschung bestätigt das: Eine Studie von Carlson et al. (2016) zeigt, dass Paare mit einer gleichberechtigten Aufteilung der Haus- und Familienarbeit deutlich zufriedener sind – Männer und Frauen. Männer gewinnen also nicht, wenn sie „bedient“ werden. Sie verlieren leise – aber spürbar.
Was Männer konkret tun können
Die gute Nachricht: Mental Load lässt sich verändern – und zwar ohne Drama, ohne Vorwürfe und ohne Perfektionsanspruch. Mit ein paar klaren Schritten, die erstaunlich viel Wirkung entfalten.
1. Nach Aufgabenclustern fragen, nicht nach Einzelaufträgen. „Was könnte ein Bereich sein, den ich ganz übernehmen kann?“ Zuständigkeit wirkt nur, wenn sie vollständig ist – inklusive Überblick, Planung und Nachbereitung.
2. Selbst Informationen beschaffen. Nicht warten, bis man erinnert wird. Nicht fragen: „Was soll ich tun?“ Sondern aktiv werden, sich einarbeiten, Lösungen finden. Das ist echte Teilhabe – nicht Mitarbeit.
3. Eine echte Zuständigkeit übernehmen. Kalender. Vorbereitung. Nachkauf. Abwicklung. Kommunikation. Alles, was dazugehört – nicht nur die letzte sichtbare Handlung.
4. Fehler aushalten und lernen. Niemand steigt als Profi ein. Und Perfektion ist kein Ziel. Wenn deine Partnerin deutlich mehr Erfahrung hat in einem Arbeitsprozess als du, dann nimm ihre Expertise an! Das ist in JEDEM Job dieser Welt so!
5. Regelmäßige Load-Check-ins machen. Zehn Minuten pro Woche reichen aus, um Dynamiken sichtbar zu machen, Belastungen neu zu verteilen und nicht wieder in alte Muster zu rutschen. Warum es das alles wert ist?
Diese Schritte schaffen etwas, das jede Beziehung braucht: Klarheit, Fairness und echte Partnerschaft … nicht nur für heute, sondern langfristig.
Falls ihr euch wünscht, dieses komplexe Thema als Paar anzugehen, aber nicht recht wisst wie:
Checkt euch einen Termin im „Beziehungspickerl“ – das ist sowas wie ein jährliches Software Update für eure Liebe, wo ihr an eurer Beziehungsqualität schrauben könnt. Mit meiner Begleitung und fachlichen Moderation – hin zu der Form der Partnerschaft, die ihr euch wünscht.
„Die Frauen müssen halt aufhören, alles immer so perfekt machen zu wollen!“ War der Originalsatz der kinderlosen Psychologin, die neben mir Platz genommen hatte. Obwohl wir beide als Expertinnen geladen waren, blieb mir kurz die Spucke weg. Denn es war nicht nur fehlendes Wissen, sondern blanker Hohn, was sie von sich gab.
Während ich im Kopf den proppenvollen Alltag von Kleinkindfamilien vorüberziehen sah mit den unendlich vielen To-Dos und Dingen, die bedacht werden müssen schüttelte ich innerlich den Kopf. Gestandene, gut organisierte Frauen wandeln ob dieser Anforderungen am Rand des nervlichen Abgrunds. Ich fühlte, wie das Gespräch in eine problematische Richtung abbog und erlaubte mir nicht, direkt zu widersprechen. Doch ich blieb einigermaßen sprachlos zurück.
Man muss keine Kinder haben, um das Problem zu verstehen. Es reicht ein Mindestmaß an feministischem Denken, Fühlen und Verstehen.
Wie sich Mental Load anfühlt
Das Piepsen der Müllabfuhr Freitag Morgen reißt mich vom Küchensessel, ich eile mit dem Biomüll gerade noch rechtzeitig zur Tonne hinaus. Beim Hineingehen sehe ich den verwelkten Blumenstock an der Tür, der getauscht werden müsste. Stolpere in der Garderobe über zu viele Schuhe – die gehören längst wieder mal aussortiert, weil sie den Kids nicht mehr passen. Ich wasche den Biokübel aus, will einen neuen Beutel reingeben, doch ich greife in den leeren Karton. Also schnell auf die Einkaufsliste setzen, da koppt eine Erinnerung am Handy auf: die Zahnarzttermine sind wieder fällig. Während ich die Brote streiche, piepst schon die Waschmaschine, beim Geschirrspüler ist das Salz nachzufüllen und ein Kind ruft aus dem oberen Stock „Ich brauch’ noch 36€ für den Schulausflug – aber genau, bitte!“
Neverending story
Das ist Mental Load – und nein, es ist kein Luxusproblem, kein Frauenhobby und keine Überempfindlichkeit. Es ist die mentale Belastung des daran denken müssen, oder anders gesagt: die unsichtbare Denkarbeit, die dafür sorgt, dass das Leben rund läuft. Zwischen Terminen, To-Dos und notwendigem Vorchecking.
Fast immer hängt dieser in Familien überwiegender Weise bei den Müttern – warum das so ist, klären wir hier noch. Wir sind die, die erinnern, koordinieren und (für alle) mitdenken. Es geht nicht um das Tun, sondern um das Denken an das, was zu tun ist. Das Verheerende: diese Arbeit im Kopf hört nie auf.
Gedankenleere Räume
„Woran denkst du grad?“ Frag ich öfter meinen Mann. Und obwohl wir eine sehr feine Gesprächsbasis haben, eine offene Kommunikationskultur und ausladende Unterhaltungen lieben, sagt er manchmal: „Nix.“ Das ist für mich so ein unvorstellbarer Zustand, den ich mir nur hart auf der Yogamatte oder hin und wieder in Meditation erarbeiten kann, dass ich fast ein wenig neidisch auf ihn bin. Ich hab mich auch bei anderen eloquenten, kommunikativen und reflektierten Männern erkundigt: diesen Zustand gibt es anscheinend tatsächlich.
An dieser Verwunderung kann ich schon erkennen, dass ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stärker den Mental Load unserer Familie trage: in meinem Kopf ist es ganz selten still.
Was genau falsch läuft, wo die häufigsten Missverständnisse liegen und was unbedingt anders gedacht werden muss, kläre ich hier und heute mit sechs Bullshit Sätzen samt Erklärung auf.
Die BULLSHIT Sätze:
“Wenn’s dich stresst, dann hör halt auf, alles perfekt machen zu wollen.“
Ja, es gibt sie. Die Eltern, die jede Jausendose in ein kulinarisches und optisches Wunderwerk verwandeln, Brot in Sterne ausgestochen servieren und Geburtstagsmuffins für den Kindergarten so aufwendig verzieren, dass der örtliche Konditor vor Neid erblasst. Manchen machen diese Dinge Spaß und die sollen es um Himmels Willen weiter so tun dürfen, wenn sie wollen.
Doch für alle anderen von uns gilt: Mental Load entsteht nicht aus unserem Perfektionismus, sondern aus Verantwortung. Weil irgendwer nun mal die Jause zubereiten und den Kuchen für die Geburtstagsfeier bereitstellen muss. Es geht nicht darum, alles richtig zu machen, sondern darum nichts zu vergessen, was sonst keiner macht – und worauf andere mündige Erwachsene sich verlassen.
„Du musst halt mal loslassen – dein Partner kann das auch!“
Ja, es gibt Menschen, die trauen ihren Partner*innen nicht mal zu, die eigenen Kinder ins Bett zu bringen. Lieber übernehmen sie alles selbst und behalten die Kontrolle, bevor alles nicht exakt so läuft, wie sie sich das vorstellen.
Doch Loslassen funktioniert nur, wenn da jemand anderes DA ist, der auch wirklich übernimmt. Vor allem, wenn niemand mehr daran denkt und erinnert. Verantwortung kann man nicht einfach fallen lassen, wie eine heiße Kartoffel – dafür geht es um zu viel: die eigenen Kinder, das eigene Wohlbefinden und die Sicherheit. Frauen machen leider die Erfahrung, dass das nicht gelingt und wichtige Dinge nicht oder fehlerhaft passieren, wenn sie nicht dahinter sind. Beispiele aus der Praxis?
Es wird vergessen, Medikamente zu verabreichen.
Einschlafbegleitungen eskalieren, weil Feinfühligkeit fehlt.
Kinder werden nicht warm genug angezogen und erkälten sich.
Ich sag zwar immer: „Die Väter sind zumutbar.“ Manches halte ich jedoch auch beim Mitzuhören nur sehr schlecht aus und verstehe die Mütter umso besser.
„Ich helfe dir doch eh im Haushalt und mache fast alles!“
Tut mir Leid, das zu sagen, aber Hilfe ist da nicht gefragt. Wer „hilft“, sieht sich selbst nicht mitverantwortlich, sondern verleiht das Gefühl, es wäre eigentlich mein Job. Gutwilliger Weise nimmt man mir davon was ab. Nein. Gleichwertige Aufteilung beginnt da, wo BEIDE den Überblick und die Verantwortung tragen, wo Bereiche sinnvoll und klug aufgeteilt werden und jeder das übernimmt in voller Konsequenz, was sein oder ihr Aufgabengebiet ist. Nicht, wo einer „mitmacht“ und dafür gerade nicht auch noch beklatscht werden will. Wer in einem Haushalt zusammenlebt, trägt für die eigene Wäsche, den eigenen Lebensmittelbedarf oder den Dreck, den man verursacht prinzipiell selbst die Verantwortung. Partnerschaftliche Aufteilung bedeutet: jeder macht, was er kann und was notwendig ist, um das Leben BEIDER zu erleichtern.
„Ich sag dir ja immer, du brauchst mir nur sagen, was zu tun ist!“
Genau das ist jedoch Mental Load. Selbst der willigste Partner, der alle Dinge auf der Liste wie vereinbart erledigt, hat noch nicht entlastet, wenn es um die Denkarbeit geht. Die Frau ist immer noch diejenige, die Energie, Aufmerksamkeit und Fokus verliert wie ein Computer, bei dem dutzende Tabs offen sind, weil sie für Kinder (und Partner) mitdenkt. Das kostet Arbeitsspeicher und Energie und daher fühlen sich die Frauen am Ende des Tages wie ein abgestürzter PC.
Erinnern, Denken, Koordinieren – und vor allem: die Fülle dieser vielen kleinen Aufgaben sind das Problem. Wenn du jemanden brauchst, der dich erinnert, Günther, dann ist das keine Entlastung. Das ist Outsourcen deiner Verantwortung an die Person, die ohnehin zu viel für andere (Minderjährige) mitdenken muss.
„Dir kann man es ja sowieso nicht recht machen – mit deinen Ansprüchen. Wozu bemühen?“
Dass Frauen „unrealistisch hohe Ansprüche“ haben, die ihre Männer „sowieso nie erfüllen“ können ist ein dazugehöriges Problem. Die Latte hängen Frauen sich nicht selbst so hoch, sondern die Gesellschaft, die Frauen ständig daran bewertet, wie sie das mit Kind und Kegel so schaffen. In Befragungen haben 30% der Männer außerdem angegeben, dass sie sich manchmal absichtlich ein wenig dumm anstellen, damit sie die Aufgabe nicht nochmal aufgetragen bekommen. 30% (!!!) sagen das öffentlich, wenn jemand wildfremder fragt. Die Dunkelziffer will ich lieber nicht kennen.
„Even a top-tier-man is just an average woman“
hab ich neulich auf Instagram gelesen. Was bei Frauen selbstverständlich ist, wird bei Männern glorifiziert. Was bei Frauen erwartet wird, wird bei Männern gefeiert. (Bedeutet so viel wie: „Selbst ein Mann auf Top-Niveau ist gerade mal eine durchschnittliche Frau.“)
Er plant die Geburtstagsfeier? Der ist ja ein Jackpot.
Wow, er geht sogar mit dem Kind zur Spielgruppe? Du hast ja Glück.
Dein Mann besorgt den Adventkalender? Wow, so einen hätte ich auch gern.
Es gibt ja auch noch viel schlimmere Männer, ich weiß. Doch die Messlatte hängt so tief, dass sogar die Hölle angerufen hat, dass sie die nicht haben will, lautet Tara Wittwer’s Antwort darauf.
„Frauen sind halt besser organisiert! Es liegt in ihrer Natur!“
Nein, es liegt in der Sozialisation und fixierten, altbackenen Rollenbildern. Frauen müssen oft besser organisiert sein, weil es von Anfang an von ihnen erwartet wird. Sie werden gelobt, wenn sie sich besonders gut um andere kümmern, fürsorglich sind und emphatisch agieren. Jungs bekommen Schulterklopfer, wenn sie ein wenig spitzbübisch, waghalsig und sich durchsetzen. Es ist kein Talent, sondern ein System, das Menschen unterschiedlichen Geschlechts unterschiedlich formt. Das Gehirn ist bei der Geburt identisch. Erst die Erfahrungen, die Kinder im Heranwachsen machen, wofür sie bestärkt werden und was ihnen zugetraut wird, macht sie zu geschlechtstypischeren Wesen. Und zementiert z.B. die ungleiche und ungerechte Verteilung von unbezahlter Arbeit ein, statt sie fairer zu verteilen. Weil beide es könn(t)en.
Wie wir es besser machen können
„Ach, wie ihr Frauen immer jammert. Geht doch endlich dran, eure Probleme zu lösen!“ So tönt es aus Kommentarspalten unter Mental Load Beiträgen auf Social Media. Sachliche Kritik wird als Jammern abgetan, die strukturelle Ungelichverteilung als „Kommunikationsproblem“. Nichts desto Trotz will ich den Abschluss hier lösungsorientiert, motivierend und praxisnah gestalten. Nicht, weil wir das Problem lösen müssen. Sondern weil ich mich immer besser fühle, wenn ich die Idee hab, wie ich selbst was anders machen kann. Daher hier Tipps für Paare, die die mentale Arbeit des Daran denken müssen fairer verteilen möchten.
Zum Abschluss ein konstruktiver Teil – lösungsorientiert, motivierend, praxisnah:
Sichtbar machen: Sprecht über die Aufgaben, die unsichtbar sind. Macht Listen und schreibt alles auf, woran zu denken ist, damit der Laden läuft. Das ist die Basis für …
Verantwortung teilen: Nicht Hilfe anbieten, sondern Zuständigkeit übernehmen. Ganze Prozesse auslagern, nicht nur Arbeitsschritte eines Projekts delegieren.
Mental Load regelmäßig checken: Wer trägt gerade wie viel? Wie fühlt sich das an? Diese Gespräche als Anlass nehmen, über eigene Werte und Bedürfnisse ins Gespräch zu kommen.
Definition of done: bei einzelnen Arbeitsabläufen (egal ob Wäsche falten, Brotdosen richten oder der Geburtstagstorte): was ist eure „Definition von Erledigt“. Wo hat jeder seinen Raum sich individuell zu entfalten in der Abwicklung und was ist absolutes Minimum.
Vertrauen üben: Wenn der andere übernimmt, nicht kontrollieren – sondern loslassen lernen. Ermutigen und dann auch eventuelle Konsequenzen selbst übernehmen lassen.
Systeme ändern, nicht Menschen: Wir brauchen Strukturen, die Entlastung ermöglichen – nicht mehr Selbstoptimierung. Manches schaffen wir nicht in der Familie. Es braucht die Gesellschaft und die Politik. Daher zahlt sich laut bleiben und aufzeigen immer aus. Steter Tropfen höhlt den Stein. Da bin ich mir ganz sicher.
Einladung zum Gespräch
Mental Load wird kleiner, wenn wir anfangen, darüber zu reden. Nicht mit Vorwürfen, sondern mit echtem Interesse. Denn wer Verantwortung teilt, teilt auch Erleichterung. Wo das Verständnis für diese Arbeitsleistung einziehen kann, ist der Weg zur fairen Aufteilung geöffnet. Und Gespräche über die tiefer liegenden Wertvorstellungen, Bedürfnisse und Ausrichtung erhellen den Pfad.
Ein Einstieg? Gemeinsam den Qual Care Test machen und darüber ins Gespräch kommen, wer was übernimmt und überhaupt vorher schon daran denkt. Lösungen ausprobieren und testen – evaluieren und anpassen wie ein Projekt in einem Betrieb. So soll und darf das sein. Projektmanagement vom Feinsten. Damit können Männer bestimmt gut was anfangen.
Warum sich das auszahlt? Weil Gleichberechtigung und gleichwürdige Aufteilung von Arbeitslast in Familien das beste Investment in Langlebigkeit von Beziehung ist und die Wertschätzung für das Tun des jeweils anderen (in jedem Bereich) auf ein völlig neues Niveau hebt.
Wenn du spürst, dass in eurem Alltag mehr Denkarbeit an dir hängenbleibt, bist du damit nicht allein – und du bist auch nicht zu empfindlich. Gleichberechtigung beginnt damit, dass wir sichtbar machen, was lange unsichtbar war.
Hol dir den Equal Care & Mental Load Test, tauch ein Stück tiefer in eure Aufteilung ein und nimm ihn als Einladung zu einem guten Gespräch. Nicht um Schuld zu verteilen – sondern um Entlastung, Wertschätzung und echte Partnerschaft zu schaffen.
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